Fredi, Lilith, Sabine, Julian und ich sitzen bei Maike am Esstisch, die überraschenderweise für ein Wochenende von ihrem FSJ in Irland heimgekommen ist. Gerade hat Julian quasi verraten, was Joel eigentlich noch nicht so herumposaunt haben will - dass dieser nämlich gerade mehr oder weniger ein Mädchen dated - und außerdem entrüstet er sich darüber, dass Joel es ihm nicht gleich erzählt hätte, sondern er es zufällig mitbekommen musste, um davon zu erfahren. "Also ich kann ihn verstehen", meine ich spöttisch. "Du wärst bei mir auch so die letzte Person, der ich so etwas berichten würde." Die Situation zwischen Julian und mir ist seit dem Vorfall damals einfach seltsam, aber wir haben irgendwie gelernt, damit umzugehen. Wir sind keine Freunde, teilen nur den gleichen Freundeskreis, für gewöhnlich meiden wir den direkten Kontakt und wenn dann ist er eher gegenseitig aufziehend. Es ist die einzige Art, um sich nicht gegenseitig zu Tode anzugiften und gleichzeitig nicht super lieb zueinander zu sein, mit der wir beide zurechtkommen.
"Früher war das anders", entgegnet er. "Aber gut, wir sind jetzt seit einem Jahr oder so nicht mehr befreundet." Ich schnaube verächtlich und merke, wie meine Stimmung doch ein wenig kippt. "Ein Jahr? Wie lange sind du und Lena zusammen?" "Keine Ahnung, zweieinhalb Jahre?" "Dann sind es auch zweieinhalb Jahre", erwidere ich kühl. Die Stimmung im Raum lädt sich kaum merklich, aber stetig auf und Julian sieht mich direkt an. Eine unangenehme Stille breitet sich aus und jeder Anwesende ist dieser passiv-aggressiven Auseinandersetzung ausgesetzt. Dann entscheiden wir uns beide dazu, es dabei zu belassen und Fredi versucht auch in diesem Moment, die Ruhe zu durchbrechen. "Äh, merke nur ich diesen unausgesprochenen, in der Luft liegenden Streit?", meint er in einem scherzhaften Ton und ein nervöses Lachen bricht in der Runde aus, aber dann legt sich die Stimmung auch wieder. Julian macht noch ein paar Bemerkungen, die die ganze Sache, die damals passiert ist, runterspielen soll und meine sind wohl noch etwas bissig, aber letztendlich schweigen wir uns wieder darüber aus. Dass es ihn doch so kalt lässt und er sogar behauptet, sich nicht mal richtig daran erinnern zu können, was genau passiert sei, erschreckt mich doch etwas - auch wenn ich es nicht ganz glaube -, schließlich nehme ich es ihm wohl mehr übel als er mir. Aber was soll's? Ich bin einfach froh, ihn mittlerweile weitestgehend los zu sein.
Montag, 8. Mai 2017
Sonntag, 7. Mai 2017
#86
Ich bin auf dem Weg zum Zug, der in der Nähe der Uni hält, um in Pauls Zug dazu zu steigen. Wir sind heute verabredet und wollen uns einen schönen Tag machen, aber erstmal will er sein Unizeug bei sich zuhause abliefern, also komme ich da noch schnell mit. Um zum Gleis zu kommen, muss ich eine Treppe hochlaufen; unten kann man in die Straßenbahn einsteigen. Als ich bei der Haltestelle ankomme, sehe ich einige Meter vor mir Lukas stehen, der offensichtlich die nächste Bahn nehmen will. Zögernd bleibe ich stehen. Die letzten zwei Tage haben wir uns zum ersten mal gesprochen - okay, na gut, ich bin jeweils über meinen Schatten gesprungen und hab ihn begrüßt, was er erwidert hat. Und das war's. Es kam mir einfach so komisch vor, wie wir uns konsequent ignoriert haben, obwohl wir eine gemeinsame Vorlesung besuchen und mehrmals aneinander vorbei gelaufen sind. Überschreite ich eine Grenze, wenn ich jetzt kurz zum quatschen komme? Ich würde ja nicht mal in die Bahn miteinsteigen. Aber vielleicht will er gar nicht reden?
Einen Moment lang bleibe ich noch stehen, dann gebe ich mir einen Ruck und gehe auf ihn zu. Er bemerkt mich kurz daraufhin und wir lächeln uns vorsichtig an. "Hey." "Hey, was machst du hier? Wohin geht's?", frage ich. Er erklärt mir, dass er zur Bank muss und dann fragt er mich, ob ich erst jetzt frei hätte. "Quatsch", erwidere ich und verdrehe die Augen. "Ich bin Mathestudentin. Ich hab seit 11 frei, saß nur bis jetzt hier und hab an LA gearbeitet." "Was? Krass", antwortet er erstaunt und dezent neidisch, also nehme ich an, dass er sich wünscht, er hätte selbst immer so früh frei. Ich spreche ihn auf das Genetikpraktikum an, das er jetzt eigentlich haben sollte - mit den anderen Biochemikern habe ich mich ja unterhalten - und kurz danach kommt schon seine Bahn und er ist noch im Redefluss, den ich dann unterbrechen muss. "Ich muss jetzt da hoch, wir sehen uns", erkläre ich dann und deute auf die Treppe, lächle ihn noch kurz an. "Achso, okay, ja bis dann", verabschiedet er sich dann auch und ich drehe mich um, immer noch ein Lächeln auf den Lippen.
Einen Moment lang bleibe ich noch stehen, dann gebe ich mir einen Ruck und gehe auf ihn zu. Er bemerkt mich kurz daraufhin und wir lächeln uns vorsichtig an. "Hey." "Hey, was machst du hier? Wohin geht's?", frage ich. Er erklärt mir, dass er zur Bank muss und dann fragt er mich, ob ich erst jetzt frei hätte. "Quatsch", erwidere ich und verdrehe die Augen. "Ich bin Mathestudentin. Ich hab seit 11 frei, saß nur bis jetzt hier und hab an LA gearbeitet." "Was? Krass", antwortet er erstaunt und dezent neidisch, also nehme ich an, dass er sich wünscht, er hätte selbst immer so früh frei. Ich spreche ihn auf das Genetikpraktikum an, das er jetzt eigentlich haben sollte - mit den anderen Biochemikern habe ich mich ja unterhalten - und kurz danach kommt schon seine Bahn und er ist noch im Redefluss, den ich dann unterbrechen muss. "Ich muss jetzt da hoch, wir sehen uns", erkläre ich dann und deute auf die Treppe, lächle ihn noch kurz an. "Achso, okay, ja bis dann", verabschiedet er sich dann auch und ich drehe mich um, immer noch ein Lächeln auf den Lippen.
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