"Ach, wie voll kann der Raum schon sei- oh", meine ich nach hinten zu Alex, als ich die Tür aufmache. Aber er hat Recht, für unsere Lerngruppe ist kein Platz. Die Tür fällt zu und ich schaue mich nochmal sicherheitshalber um, obwohl mir ein wenig mulmig dabei ist. Ich weiß genau, dass er hier öfter rumhängt. Und tatsächlich behalte ich Recht, ganz links sitzt er da mit seinen Freunden und arbeitet an Aufgaben. Ich kann nicht anders, als Nico kurz anzustarren, doch einer seiner Freunde, Daniel, schaut zu mir herüber, also drehe ich mich weg.
Da hier auch keine Plätze sind und mich auch der unbändige Drang überfällt, diesen Raum zu verlassen, möchte ich auch direkt umdrehen, aber dann spricht mich ein Kommilitone, Paul, an. "Hey, Valerie, herzlichen Glückwunsch", meint er und grinst mich an. Er scheint schon davon gehört zu haben, dass ich meine erste Klausur in diesem Semester bestanden habe und ich lächle zurück, bemühe mich locker zu wirken und gehe ein paar Schritte auf ihn zu. Wir unterhalten uns ein wenig, plaudern, bis ich mich dann verabschiede, weil ich mit den anderen ja zum Lernen verabredet bin. Sie haben mir Bescheid gesagt, in welchem Raum sie sind und um keinen Umweg zu machen, muss ich zur anderen Tür heraus - oder anders: an Nico vorbei. Es ist lächerlich, denn wir ignorieren uns ja sowieso, aber... Nein, ich sollte mich nicht so anstellen.
Also reiße ich mich zusammen und gehe los, schnurstracks auf diese Tür zu und an ihm vorbei. Er schaut auf, als ich näherkomme, aber ich wende den Blick ab und als ich die Tür aufmache, fühlt es sich an, als würde er mir nachschauen. Und als sie sich hinter mir schließt, muss ich meine Hände zu Fäusten ballen, weil es irgendwie immer noch wehtut. Über manche Freundschaften kommt man vielleicht einfach nicht hinweg.
"Irgendwie lustig, oder? Du hast damals immer gesagt, Julian sei schlecht für mich und ich hätte doch dich."
"Ach, Menschen kommen und gehen. Ich würde dem nicht allzu viel Gewicht beimessen. Vielleicht passiert ja dasselbe mit mir."
Montag, 23. Juli 2018
Freitag, 27. April 2018
#99
Als ich den Arbeitsraum betrete, fällt mir Nico sofort ins Auge. Ich bleibe für einen Moment erstarrt stehen und seine Freunde entdecken mich, aber bevor ich eine Reaktion von ihm bemerken könnte, schaue ich schnell weg. Leider sitzt er am Tisch direkt an den Ablagen, zu denen ich muss, aber ich bemühe mich, Blickkontakt jeglicher Art zu vermeiden und plaudere stattdessen mit Arian, mit dem ich gekommen bin. Für eine Millisekunde muss ich herüberlinsen, aber dann reiße ich mich zusammen und nachdem meine Abgabe einsortiert ist, entdecke ich einen ehemaligen Mitschüler, mit dem ich mich dann unterhalte. Während wir reden, ist mir sehr bewusst, dass er nur zwei Tische hinter mir ist, mehr als mir lieb ist. Und es ärgert mich, dass es mich überhaupt so beschäftigt, denn er sollte mir egal sein, so wie ich ihm egal bin. Immerhin wage ich keinen weiteren Blick zu ihm und als ich ein paar Minuten später den Raum verlasse, stelle ich fest, dass er und seine Freunde gegangen sind. Ein wenig atme ich erleichtert auf, aber irgendwie bin ich auch enttäuscht, was mich im nächsten Moment auch wieder ärgert. Wir sehen uns eigentlich nie in der Uni und sonst kümmert mich das ja auch nicht, wieso nimmt es direkt meine Gedanken ein, wenn wir dann mal im selben Raum sind? Ich wünschte, ich könnte dem so gleichgültig gegenüberstehen wie er.
Donnerstag, 18. Januar 2018
#98
"Du hast mich vorhin gefragt, ob ich glaube, dass das eine Zukunft hat", beginnt Jonas und ich wende mich ihm zu, schaue ihn aufmerksam an. "Ja?"
"Was denkst du denn darüber?" Mir entgleist für einen Moment die Kontrolle über mein Gesicht, ich drehe mich weg, aber Jonas hat sowieso den Blick auf die Straße gerichtet. "Ähm...", druckse ich herum. Als ich Freschta die Frage gestellt habe, hat sie nur ellenlang geredet, aber mich das nicht gefragt und ich war froh darum, weil meine ehrliche Antwort keine nette ist. Sie klingt fast herzlos. Wahrscheinlich könnte man das fast auch streichen. Er hatte sie auch nicht zurückgestellt, aber jetzt tut er es. Auf der einen Seite überfordert es mich, denn was soll ich antworten? Ich will ihn nicht anlügen, aber ich weiß nicht, ob Ehrlichkeit hier angebracht ist. Auf der anderen Seite freut es mich, dass ihm meine Meinung dazu so wichtig zu sein scheint.
Weil ich mich zu schlecht fühlen würde, wenn ich jetzt lügen würde, entscheide ich mich für die schonungslose Wahrheit und sage ihm die Probleme, die ich sehe und schildere auch die Konsequenzen, die daraus folgen. Kurzum: Ich sehe keine Zukunft darin unter den gegebenen Umständen, die sich nicht ändern werden.
Wir reden eine Weile darüber und Jonas äußert auch, dass er glaubt, dass ich die einzige Person bin, die das ganze umfassend beurteilen kann mit den Konsequenzen. Schließlich geht es um das Thema, zu dem das alles führt: Was tun, wenn man es wirklich beenden muss?
"Was machen wir denn dann mit dir?", fragt er dann besorgt und ich hebe nur kurz einen Mundwinkel. Ja, gute Frage, oder? Wir haben so viel zu dritt herumgehangen. Aber das hat sich sowieso seitdem geändert und eigentlich will ich gar nicht darüber nachdenken, denn dieser Fakt macht mich ziemlich traurig. "Oh man, das ist ja wie bei einem Scheidungskind", meint er dann nervös lachend und ich zucke lächelnd mit den Schultern, während ich aus dem Fenster sehe. "Wir hängen doch sowieso nicht mehr wirklich zu dritt rum", antworte ich dann.
"Was denkst du denn darüber?" Mir entgleist für einen Moment die Kontrolle über mein Gesicht, ich drehe mich weg, aber Jonas hat sowieso den Blick auf die Straße gerichtet. "Ähm...", druckse ich herum. Als ich Freschta die Frage gestellt habe, hat sie nur ellenlang geredet, aber mich das nicht gefragt und ich war froh darum, weil meine ehrliche Antwort keine nette ist. Sie klingt fast herzlos. Wahrscheinlich könnte man das fast auch streichen. Er hatte sie auch nicht zurückgestellt, aber jetzt tut er es. Auf der einen Seite überfordert es mich, denn was soll ich antworten? Ich will ihn nicht anlügen, aber ich weiß nicht, ob Ehrlichkeit hier angebracht ist. Auf der anderen Seite freut es mich, dass ihm meine Meinung dazu so wichtig zu sein scheint.
Weil ich mich zu schlecht fühlen würde, wenn ich jetzt lügen würde, entscheide ich mich für die schonungslose Wahrheit und sage ihm die Probleme, die ich sehe und schildere auch die Konsequenzen, die daraus folgen. Kurzum: Ich sehe keine Zukunft darin unter den gegebenen Umständen, die sich nicht ändern werden.
Wir reden eine Weile darüber und Jonas äußert auch, dass er glaubt, dass ich die einzige Person bin, die das ganze umfassend beurteilen kann mit den Konsequenzen. Schließlich geht es um das Thema, zu dem das alles führt: Was tun, wenn man es wirklich beenden muss?
"Was machen wir denn dann mit dir?", fragt er dann besorgt und ich hebe nur kurz einen Mundwinkel. Ja, gute Frage, oder? Wir haben so viel zu dritt herumgehangen. Aber das hat sich sowieso seitdem geändert und eigentlich will ich gar nicht darüber nachdenken, denn dieser Fakt macht mich ziemlich traurig. "Oh man, das ist ja wie bei einem Scheidungskind", meint er dann nervös lachend und ich zucke lächelnd mit den Schultern, während ich aus dem Fenster sehe. "Wir hängen doch sowieso nicht mehr wirklich zu dritt rum", antworte ich dann.
Mittwoch, 10. Januar 2018
#97
"Naja und dann haben wir uns ziemlich viel erzählt und sind uns gestern näher gekommen. Ich hab ihm von... - oh, davon weißt du gar nichts", unterbricht Freschta sich selbst und ich horche auf, schaue sie neugierig an. "Was denn?"
"Muss das jetzt sein?"
"Und wie." Ein kleines Grinsen huscht mir über die Lippen. Fast fühlt es sich wie immer zwischen uns an, aber irgendwie auch nur fast. Vermutlich trügt mich dieses Gefühl, so oder so muss ich damit jetzt leben, weil sich ab jetzt vermutlich alles ändern wird.
"Naja... ich hab Narben auf meinen Beinen und ich hab ihm erklärt, woher sie stammen."
"Woher?", frage ich, doch eigentlich weiß ich die Antwort schon. Sie ist so offensichtlich.
"Selbstverletzung."
"Von wann?" Sie nennt einen Zeitraum, der schon etliche Jahre zurückliegt und erzählt dann weiter und ich höre ihr zu, aber ein Teil meines Gehirns beschäftigt sich mit den Narben, die auf meinem Bein zu sehen sind. Rechts, Oberschenkel. Es ist vier Jahre her und sie sind schon sehr verblasst, weil sie nie sehr tief waren. Bis auf Julian (und wenn man mein quasi Doppelleben im Internet auf meinem Blog abzieht) habe ich noch nie jemandem davon erzählt und sie sind an einer Stelle, die nicht gerade auffällig ist, weil mir das damals unglaublich wichtig war. Und weil ich mich nach meiner Beichte ihm gegenüber so schlecht gefühlt habe, habe ich es bis jetzt noch nie übers Herz gebracht, jemand weiteren einzuweihen. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, aber mich immer dagegen entschieden. Jetzt gerade ist es nicht einmal eine bewusste Entscheidung, eher eine Selbstverständlichkeit. Es gibt einige andere Leute, denen ich das vorher anvertrauen würde, bevor sie kommt, einfach weil ich sie länger und besser kenne. Aber ich schaffe es sowieso nicht, darüber zu reden. Darüber, wie einsam ich mich einmal gefühlt habe. Darüber, dass es für mich mal keine schrecklichere Person als mich selbst gab. Darüber, dass ich mal so nah am Abgrund balanciert bin. Denn da ist diese irrationale Angst in mir, dass ich mich ihm wieder nähere, wenn ich diese alten Gedanken wieder ausspreche.
"Muss das jetzt sein?"
"Und wie." Ein kleines Grinsen huscht mir über die Lippen. Fast fühlt es sich wie immer zwischen uns an, aber irgendwie auch nur fast. Vermutlich trügt mich dieses Gefühl, so oder so muss ich damit jetzt leben, weil sich ab jetzt vermutlich alles ändern wird.
"Naja... ich hab Narben auf meinen Beinen und ich hab ihm erklärt, woher sie stammen."
"Woher?", frage ich, doch eigentlich weiß ich die Antwort schon. Sie ist so offensichtlich.
"Selbstverletzung."
"Von wann?" Sie nennt einen Zeitraum, der schon etliche Jahre zurückliegt und erzählt dann weiter und ich höre ihr zu, aber ein Teil meines Gehirns beschäftigt sich mit den Narben, die auf meinem Bein zu sehen sind. Rechts, Oberschenkel. Es ist vier Jahre her und sie sind schon sehr verblasst, weil sie nie sehr tief waren. Bis auf Julian (und wenn man mein quasi Doppelleben im Internet auf meinem Blog abzieht) habe ich noch nie jemandem davon erzählt und sie sind an einer Stelle, die nicht gerade auffällig ist, weil mir das damals unglaublich wichtig war. Und weil ich mich nach meiner Beichte ihm gegenüber so schlecht gefühlt habe, habe ich es bis jetzt noch nie übers Herz gebracht, jemand weiteren einzuweihen. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, aber mich immer dagegen entschieden. Jetzt gerade ist es nicht einmal eine bewusste Entscheidung, eher eine Selbstverständlichkeit. Es gibt einige andere Leute, denen ich das vorher anvertrauen würde, bevor sie kommt, einfach weil ich sie länger und besser kenne. Aber ich schaffe es sowieso nicht, darüber zu reden. Darüber, wie einsam ich mich einmal gefühlt habe. Darüber, dass es für mich mal keine schrecklichere Person als mich selbst gab. Darüber, dass ich mal so nah am Abgrund balanciert bin. Denn da ist diese irrationale Angst in mir, dass ich mich ihm wieder nähere, wenn ich diese alten Gedanken wieder ausspreche.
Dienstag, 2. Januar 2018
#96
"Und, gibt es was bei dir zu erzählen?", fragt Freschta und ich bin froh, dass wir am Telefon sind, denn für einen Moment wirft mich die Frage aus der Bahn. Ein "Wie geht's dir?" kann ich noch gut als Floskel wahrnehmen und locker darauf antworten, abgesehen davon dass mich das sowieso kaum einer fragt. Das Zögern ist vermutlich nicht lang, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, während mir in diesen kleinen, kurzen Sekunden tausend Gedanken durch den Kopf schießen, was ich antworten könnte. Und wie es was zu erzählen gäbe. Aber wenn ich es nicht einmal meiner Cousine erzählen kann, dann auch nicht ihr. Oder Jonas. Obwohl ich bei ihm ernsthaft darüber nachgedacht habe.
"Nein, nicht wirklich. Und bei dir?", antworte ich dann locker, die Lüge gleitet mir mühelos über die Lippen, weil ich es schon viel zu sehr gewohnt bin und es begleitet mich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Es gibt einfach Dinge, bei denen ich nicht weiß, wie ich sie aussprechen soll.
"Nein, nicht wirklich. Und bei dir?", antworte ich dann locker, die Lüge gleitet mir mühelos über die Lippen, weil ich es schon viel zu sehr gewohnt bin und es begleitet mich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Es gibt einfach Dinge, bei denen ich nicht weiß, wie ich sie aussprechen soll.
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