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Mittwoch, 22. März 2017

#83

"Irgendwie bin ich jetzt doch traurig", meine ich plötzlich, während ich auf Pauls Bett sitze. "Warum? Wegen Lukas?", fragt er und ich nicke. "Ich war den ganzen Tag sauer auf ihn, aber jetzt bin ich traurig und deswegen sauer auf mich. Ich sollte nicht traurig sein. Wir kennen uns keine drei Wochen, das sollte mir gar nicht so nah gehen." Finster starre ich vor mich hin, während Paul den Kopf schüttelt. "Das ist doch voll in Ordnung. Du bist einfach sehr empathisch und das zeigt nur, wie schnell du Menschen ins Herz schließt. Es ist doch schön, dass du ihn so schnell so gern hattest. Er hat es nur nicht verdient, dass du ihn so nett findest." Und ich würde ihm gerne zustimmen und sagen, dass das wirklich gut sei, aber ich wünschte mir wirklich, dass es anders wäre. Ich wünschte, mich hätte diese Sache am Freitag nicht so gestört. Ich wünschte, es hätte meinem Wochenende nicht diesen traurigen Beigeschmack verliehen. Ich wünschte, es hätte mich Montag nicht so verwirrt, wie er mit mir umgegangen ist. Ich wünschte, es hätte mich gestern nicht so verletzt, wie wortkarg und abweisend er plötzlich zu mir war. Ich wünschte, die Frage, ob er überhaupt mit mir befreundet sein will, hätte mich nicht so beschäftigt, dass ich ihn heute nach einem Gespräch gefragt hatte. Auf das er nicht eingegangen ist, weil er keine Zeit hatte. Und irgendwann hat er auch einfach nicht mehr geantwortet. Und dann haben wir uns im Labor gegenseitig ignoriert. Jetzt ist das Praktikum vorbei und wir werden uns vermutlich nie wiedersehen, worüber ich nicht mal richtig froh sein kann. Stattdessen sitze ich hier und bin traurig, weil ich mich so auf diese Freundschaft gefreut hatte und alles nur ein riesiger Reinfall war.

Montag, 20. März 2017

#82

Als die Assistenten uns das Startzeichen geben, stelle ich mich seufzend an das Waschbecken und wasche erstmal unsere Ausrüstung, die wir gleich brauchen. Nach einigen Minuten, ich habe gerade das dritte Becherglas gesäubert, steht auf einmal Lukas neben mir und gesellt sich beim Waschen dazu. Ich spüre eine leichte Nervosität in mir aufsteigen. Wir haben uns heute noch nicht gesehen, weil es kein Seminar gibt. Allerdings war es heute Mittag vor der Mensa ziemlich seltsam...denn ich könnte schwören, dass er einfach umgedreht ist, als er mich gesehen hat. Er war nämlich eindeutig auf dem Weg zur Mensa und ist dann, auf der obersten Treppenstufe und als wir uns kurz angesehen haben, einfach umgedreht und war später nicht bei den anderen Biochemikern zu sehen.
"Na?", spricht er mich an und ich bin verwirrt, antworte aber zögernd "Na" zurück. "Und wie war dein Wochenende so?" Ich blinzle rüber. Will er mich provozieren? Ärgern? Oder ist das ein schlechtes Gewissen? Ich kenne ihn gerade mal zwei Wochen und kann es überhaupt nicht einschätzen. "Ganz in Ordnung, schätze ich", antworte ich dann langsam und um einen neutralen Ton bemüht. Eine kurze Pause entsteht. "Und deins?", frage ich dann schließlich und sehe ihn dann an. Wir schauen uns in die Augen und er erzählt mir von seinem Wochenende und führen ein ganz normales Gespräch, als sei nichts gewesen, bis er sich schließlich zu seinem Platz aufmacht. Mich lässt er etwas verunsichert zurück, aber er würde mich wohl kaum ansprechen, wenn er mich nicht irgendwie mögen würde, oder? Zumal bei ihm drüben auch ein Wasserhahn steht. Ein kleiner Seufzer entweicht mir und ich schüttle den Kopf, um mich danach dem nächsten Versuch zu widmen.

Mittwoch, 15. März 2017

#79

Ein Seufzer entgleitet mir, während ich mein Laborjournal anstarre. Ich stehe mit einigen Kommilitonen in einem Chemielabor der Uni, die ebenfalls mit mir durch dieses Praktikum müssen. Wieso habe ich nochmal Chemie als Nebenfach gewählt? Es ist furchtbar, sechs lange Stunden hier stehen zu müssen und Versuche durchzuführen, deren Ausgang wir bereits durch das zweistündige Seminar jeden Morgen haargenau kennen. Immerhin gibt es einen positiven Aspekt, denn durch das Praktikum bin ich wieder in Kontakt mit neuen Menschen gekommen, die mir unglaublich sympathisch sind und mit denen ich mich anfreunden konnte.
Ich drehe mich um und sage Melissa Bescheid, dass ich gleich wiederkomme. Wir müssen gerade sowieso warten, weil unser Abzug besetzt wird, also können wir ohnehin nicht experimentieren. Stattdessen mache ich mich auf den Weg zum anderen Ende des Labors und stelle mich zwischen Lukas und Levin, die gerade selbst in ihr Journal schreiben.
Wir unterhalten uns eine Weile, während ihre Stifte über das Papier gleiten, bis Lukas selbst ein tiefer Seufzer entweicht und er den Kulli beiseite legt. "Heute ist ein schlimmer Tag", stellt er fest und ich kann ihm nur zustimmen. "Jap. Wir könnten eine Pause jetzt echt gut gebrauchen", erwidere ich. Er lehnt sich vor, stellt seinen Ellbogen auf den Tisch und stützt seinen Kopf mit der Hand ab, während er mich ansieht und nickt. "So wie gestern die Zwangspause, die war gut." Wir grinsen uns breit an. "Hey, wie wär's? Du stellst ein bisschen Schwefelwasserstoff her und sorgst für 'ne kleine Laborräumung, dann haben wir unsere Pause", schlage ich im Scherz vor und muss kichern, während Lukas zu lachen anfängt. "Gute Idee! Bin dabei."
Nur ein wenig später schreibt er bereits weiter, hält das aber auch nicht lang durch. "Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren", meint er frustriert und ich sehe ihn mitleidig an. "Versteh ich. Die Atmosphäre in diesem Raum ist auch furchtbar, es will einfach keiner hier sein." "Ja, genau. Ich will einfach nach Hause. Dieses Praktikum ist so schlimm", entgegnet er in einem jammernden Ton und stößt sich vom Tisch ab. Ein mattes Lächeln legt sich auf meine Lippen. "Brauchst du eine Umarmung?" "Ja", ist seine einzige Antwort und ich lache, komme dann auf ihn zu und wir legen unsere Arme umeinander. "Danke." Er lächelt mich, nun etwas besser gelaunt, an und ich lächle zurück.