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Mittwoch, 28. Mai 2014

#38

Mein Handy klingelt. Ich erkenne Pauls Nummer. Mein Herz fängt an zu rasen und ich nehme ab.
"Ja?"
"Valle?"
"Nein", antworte ich und verdrehe grinsend die Augen, "Gott."
"Oh, achso, zeigst du mir den Weg zum Himmel?"
"Nein, du bleibst schön auf der Erde", lache ich.

Wir führen das Gespräch auf Skype weiter.
Und?, schreibt Julian mir.
Wir eh skypen grad, antworte ich.
Oho
? xD
Und?
Ehm wir reden ganz normal
Oki, nicht über euch?
Nein
REDET ÜBER EUCH

Eine Zeit lang protestiere ich noch, weil ich mich einfach verdammt nochmal nicht traue. Schließlich kehrt eine kurze Stille zwischen mir und Paul ein. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und hole tief Luft. "Paul?"
"Ja?"
"Ich...ich...ehm", stottere ich, "ehm...ich komm mir wirklich blöd vor, das zu fragen, aber ich..." Das Lied, das ich im Hintergrund laufen habe, geht zu Ende und irgendwie versagt mir dabei auch die Stimme. Als das nächste anfängt, hat er noch immer nichts gesagt und wartet wahrscheinlich. "Sind wir zusammen?"
"Willst du?", fragt er.
"Ja."
"Gern", antwortet er und wir beide müssen lachen. "Super Antwort", entgegne ich und bin froh, als meine ganze Anspannung dadurch wegfällt.

Montag, 26. Mai 2014

#37

"Weißt du was ich dir sagen wollte valle? seit Mittwoch und eigentlich schon länger? du bist die beste. seit ich dich kenne habe ich mich schrittweise Stück für Stück, je mehr ich von dir erfahren durfte in dich verliebt.
Ich würde gerne sagen das es von mir aus Liebe auf den ersten Blick war, das wäre romantisch, aber das war es nicht. Ich musste dich kennenlernen, die wundervollen Facetten deines Wesens, deine Gutmütigkeit, deine Offenheit, deine Pragmatik (im guten Sinne) und so viele weitere Wunder deiner Persönlichkeit mehr kennenlernen um dich als die schätzen zu lernen die du bist und ich bin froh darüber. Ich möchte mich an dieser Stelle dafür entschuldigen mich dir auf diesem Weg mitteilen zu müssen, aber das ist die privateste Möglichkeit die ich sehen konnte und ich befürchte ich bin nicht allzu gut darin meine Gefühle in solchen Belangen zu teilen. Aber es tut weh dich nur "eine" Freundin nennen zu müssen, mit jedem Tag mehr und ich fühle so oft eine lehre im Umgang mit dir, die ich nur zu gerne mit Liebkosung füllen würde. Es schmerzt wenn ich dich unglücklich sehe und wenn andere dich verletzten, oder hart zu dir sind, ist es mein innigster Wunsch dich abzuschirmen. Auch wenn ich meine Empfindungen doch kenne bin ich ungeübt im Umgang mit ihnen, ich weiß nicht wie eine Beziehung zu führen wäre, und meine größte Furcht ist es dich zu verletzten. Als ich von Julian erfahren habe das du scheinbar auch die Angst vor einer festen Beziehung kennst und hast habe ich mich an mein eigenes empfinden erinnert gefühlt, trotzdem würde ich dir die Angst gerne nehmen, es gemeinsam mit dir versuchen, denn ich glaube das der Versuch alles riskierte wert wäre.
Ich weiß nicht in wie weit meine Gefühle bei dir auf Grund treffen, auf Boden um sich zu entfalten und zu sprießen, aber mein Bauch sagt mir es ist den Versuch wert und selbst wenn nicht hättest du das recht es zu wissen.
In sich hinter süffisanter Sprache versteckender Schüchternheit,
Paul"

Ich muss träumen.

Donnerstag, 22. Mai 2014

#36

Seufzend umarme ich Paul und er hält mich lange an sich gedrückt. "Tschüss", meine ich dann und lächle ihn an. Er hat jetzt frei und kann zu seinem Glück nach Hause gehen, während ich gleich Mathe habe. "Bis morgen", antwortet er und geht dann raus. Ich setze mich zurück zu den anderen auf die Treppe und vertiefe mich in meinen Manga. Auf einmal spüre ich einen harten Schlag auf meinen Kopf. "AU", rufe ich und reibe mit der Hand an der schmerzenden Stelle, "das hat wehgetan!" "Dein Kopf hat aber gewonnen", schmunzelt Tim und schaut die Schokolade an, die jetzt in zwei Hälften geteilt ist. "Musste das wirklich sein?", frage ich in einem jammernden Ton. "Ach heul nicht so rum. Hey, wie war's eigentlich gestern?" Überrascht schweige ich für einige Sekunden. Sein Interesse kommt unerwartet. Andererseits hat er Paul und mich heute schon zweimal aufgezogen, als er meinte wir sollten aufhören miteinander zu flirten oder dass er mich endlich küssen sollte. "Der Film war ganz gut", antworte ich nur und lese dann weiter.

Als ich von unserem Matheraum rausgehe, entdecke ich Lilith. "Rate mal wer jetzt frei hat", trällere ich ihr fröhlich entgegen, denn unser Deutschkurs ist der einzige, der heute ausfällt. "Schön für dich", grummelt sie unzufrieden. Wir laufen bis vor das Schulhaus, wo ich mich dann von ihr verabschiede. "Viel Spaß noch", grinst sie und ich umarme sie. "Wünsch ich dir auch", lache ich und gehe zur Haltestelle. Tim und Danny laufen einige Meter vor mir und als Tim mich entdeckt, nutzt er sofort die Chance, mich mal wieder zu ärgern, wie er es schon immer tut, seit...seit wir uns kennen. "Aww, Paul ist ja leider schon weg", er grinst mich frech an. Ich verdrehe nur die Augen. "Aber ernsthaft mal", passend zu seiner Aussage wird auch sein Tonfall ernst, "empfindest du was für Paul?" Ausweichend blicke ich an ihm vorbei. "Wieso fragst du mich das?" "Naja, weil es mich interessiert." Meine Augen wandern zum Boden und ich antworte: "Und warum erwartest du eine Antwort?" "Weil du doch auch sonst...so bist." Ich runzle die Stirn, möchte "Und was heißt das bitte?" antworten, aber dann biegen die beiden ab, da sie offenbar heute lieber zu Fuß nach Hause laufen als den Bus zu nehmen. Erleichtert atme ich auf und krame nach meinen Kopfhörern. Ich frage mich, ob Tim heute mit Paul reden wird, wenn er bei ihm ist.

Mittwoch, 21. Mai 2014

#35

Gedankenverloren starre ich aus dem Fenster der Bahn, bis sie plötzlich fährt und ich überrascht zusammenzucke. "Aw, hat dich die Bahn erschreckt?", fragt Paul mich. Ich grinse verlegen. "Ja." "Warum bist du so schreckhaft?", wundert er sich. Ich zucke mit den Schultern. "Das wird noch schrecklich werden mit mir befreundet zu sein, wenn du so schreckhaft bist", grinst er, halb schadenfroh und halb mitleidig. Ich lächle ihn an. "Das Risiko gehe ich für dich ein." Er lächelt zurück.

Wir setzen uns hin und ich lehne mich an seine Schulter. Zum Einen, weil ich doch etwas müde bin von dem Tag, aber vor allem, weil ich seine Nähe genießen will. "Müde?", fragt er und ich murmle "Ein bisschen."
"Oh man, es ist so warm", stöhnt er und ich reagiere sofort und setze mich auf. Er greift nach dem Schal, den er umhat und macht ihn auf. "Du kannst den ja als Kissen benutzen", meint er, legt ihn auf seine Schulter und lächelt mich an. Ich zögere. "Aber dann ist dir ja nur noch wärmer, wenn ich mich an dich lehne." "Das macht mir nichts aus. Das bist du mir jetzt wert", sein Lächeln wird breiter und ich kann nicht anders als es zu erwidern und die Einladung auch sofort anzunehmen.

Als ich erkenne, dass wir gleich bei seiner Haltestelle sind, entweicht mir ein wehmütiges Seufzen. "Ich will nicht, dass du gehst", murmle ich und greife nach seinem Arm. "Ich will auch nicht, dass du gehst", erwidert er genauso traurig wie ich. Wir schauen uns an und dann drückt er mich ganz fest an sich. "Schlaf mir ja nicht ein, ja? Ich will dich nicht vom Fundbüro abholen müssen." Ich lache und erwidere: "Ich geb mein Bestes."
Er steht auf. "War ein schöner Tag", meine ich. "Ja, war es wirklich", erwidert er und wir beide lächeln uns glücklich an.

Samstag, 17. Mai 2014

- 1 -

Sie hatte das Gefühl, dass niemand sie hier wirklich verstand. Es hieß immer nur, sie solle nicht so viel Angst haben.  
Stell dich nicht so an.
Du musst nur über deinen Schatten springen.
Aber es war nicht so einfach. Nicht im Geringsten. Natürlich wollte sie das alles auf der einen Seite. Auf der einen Seite konnte sie sich keinen schöneren Ort auf der vorstellen als an seiner Seite, sie sehnte sich jede Sekunde nach ihm und ja, der Gedanke, ihn ihren Freund nennen zu können, machte sie unglaublich glücklich. Natürlich tat es das. Die Gefühle für ihn waren mittlerweile schon so stark geworden, dass sie unaufhaltsam ihren Körper durchfluteten. Anfangs hatte sie sie noch halbherzig versucht zu unterdrücken, aber eigentlich war es schon zu spät gewesen, als sie die Gefühle bemerkt hatte. Ganz leise hatten sie sich eingeschlichen und versteckt und dann ganz plötzlich überfallen. Eigentlich hatte sie nie etwas dagegen tun können. Und mit der Zeit waren sie einfach nur immer größer und stärker geworden und irgendwie hatte sie sich an sie gewöhnt. Das Leben wäre komisch gewesen, wären sie nicht mehr da.
Aber das hieß nicht, dass sie Angst vor ihnen hatte. Nein. Diese Gefühle hatten eine so unglaubliche Macht über sie, dass sie unheimlich viel Angst vor ihnen hatte. Nur konnte sie ja doch nichts tun und irgendwie arbeiteten sie ja zusammen, manchmal. Wenn ihr Kopf nicht dazwischenfunkte, wenn ihr Herz gerade die Oberhand besaß.
Wovor sie aber noch viel mehr Angst hatte waren seine Gefühle. Und dem, was kommen könnte. Verstand denn keiner, dass sie Angst vor der Nähe zu Menschen hatte? Weniger die körperliche, sondern viel mehr die seelische? Eine Bindung zu einem Menschen einzugehen war noch nie einfach gewesen für sie. Sie brauchte ihre Grunddistanz. Sie gab sie nicht gerne auf. Sie hatte viel zu viel Angst davor, was passierte, wenn sie das tat. Und jetzt war sie so kurz davor es tun zu müssen.
Sie war sich fast sicher, dass er es wusste. Dass es fast so weit war.
Alle wussten es.
Einschließlich ihr.
Obwohl so Vieles in ihr danach schrie, endlich diesen Schritt zu tun und sie freudig dem Treffen entgegenfieberte, wollte ein anderer Teil, klein aber nicht klein genug, einfach nur die Beine in die Hand nehmen und um sein Leben rennen. Und irgendwie verstand das niemand.


Montag, 12. Mai 2014

#34

"Ihr könnt mich doch nicht allein lassen, hier ist kein anderer Mensch!", beschwert Tim sich lautstark darüber, dass Paul, Julian, Joel und Danny nachmittags frei haben. Ich drehe mich empört um. "Ähm, sowohl Antonia als auch ich haben ebenfalls nicht frei." Er grinst frech. "Ich sagte ja, es wäre kein anderer Mensch da." "Tz", mache ich und drehe mich wieder weg und zu Paul.
"Du bist eben ein Engelchen, kein Mensch", lächelt er und legt seine Hände auf meine Schultern. Skeptisch schaue ich ihn an. "Ich. Ein Engelchen." "Ja, ein Engelchen!", bekräftigend nickt er. "Du willst mir wirklich sagen, dass ICH ein Engelchen sein soll?", frage ich zweifelnd. Er grinst breit. "Na gut", wendet er ein, "vielleicht ein gefallenes Engelchen. Aber ein Engelchen!" Wir beide lachen. "Passt schon besser", grinse ich und er umarmt mich nur.


Sonntag, 11. Mai 2014

#33

(Ich hoff, es stört niemanden, dass ich's nur so blogge.)

3:29 Uhr, Nico
Was hältst du von nem date? :D

3:30 Uhr, Ich
Nicht viel.

3:32 Uhr, Nico
Komm schon
Ich lad dich ein :D

3:32 Uhr, Ich
Warum willst du jetzt ein Date mit MIR? xD

3:32 Uhr, Nico
Joa
Wieso auch nicht? :D
Bist nett :D
Und ich mag dich

3:34 Uhr, Ich
...man geht miteinander aus weil man sich kennenlernen will oder füreinander interessiert und ich glaube nicht, dass hier etwas zutrifft, du musst eindeutig ins Bett. xD

3:35 Uhr, Nico
Wir kennen uns jetzt schon so lange, meinst du nicht wir könnten mal zusammen ins Kino gehen? :D

3:36 Uhr, Ich
Geh schlafen, Nico... xD

3:36 Uhr, Nico
Poah
Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit
Komm schon

3:39 Uhr, Ich
Du solltest dich wirklich hinlegen, bei dir stimmt da oben grad was nicht :D

3:40 Uhr, Nico
Ist es so unwahrscheinlich, dass ich mit dir ausgehen will? :D

3:40 Uhr, Ich
Ja

3:40 Uhr, Nico
Und was, wenn ich dir sage, dass ich gar nichts getrunken habe und das von vornherein geplant habe?

3:42 Uhr, Ich
Das bezweifle ich sehr stark.

3:43 Uhr, Nico
hm
Aber ich möchte
Komm schon. Ein date :D

3:43 Uhr, Ich
Du kannst jetzt wirklich damit aufhören okay xD

3:45 Uhr, Nico
Du denkst echt ich mache Spaß, oder? :D

3:46 Uhr, Ich
Ja, denke ich. Ich wüsste wirklich nicht, wieso du es nicht tun solltest xD

3:48 Uhr, Nico
Weil ich dich lang genug kenne und genau weiß, was ich möchte...
Und langsam hab ich keine Lust mehr den Helfer zu spielen. Wenn er was von dir will, kann er dich fragen... Jetzt bin ich dran :D

3:51 Uhr, Ich
...hast du gerade andeuten wollen, dass ICH auch nur ein Zehntel von dem verkörpere, das du willst?!
Und das ändert aber nichts daran, dass ich ihn...so mag.

3:53 Uhr, Nico
Ein zehntel?
Hab ich das gesagt?
Ich meinte zehn

[...]

3:57 Uhr, Nico
Ich will ein date mit dir
Klar genug?

3:58 Uhr, Ich
Nein. Vor n paar Tagen warst du noch so fertig wegen Caro.

3:59 Uhr, Nico
Hach ja
Und wer hat mir geholfen?

4:01 Uhr, Ich
Ehm ich, aber das macht man halt so. Ich kann dich schlecht weiter weinen lassen.

4:02 Uhr, Nico
Alle anderen haben das aber getan
Klar dass man über seine exfreundin jammert
Aber man muss weitermachen. Und das mache ich jetzt.

4:09 Uhr, Ich
Es ist wirklich schön und gut, dass du jetzt weitermachen willst und kannst, aber ehm ich hab dich ja echt gern und so, aber das wird hier nichts, tut mir leid.

4:12 Uhr, Nico
Sfz
Natürlich kann ich nicht weitermachen. Ich werde ewig hier festhängen
Aber die Illusion war schön
Schade dass du nein gesagt hast

4:14 Uhr, Ich
Wirst du nicht. Du findest ein tolles Mädchen und eure Beziehung und sie werden dir viel toller vorkommen als Caro und eure Beziehung.

4:15 Uhr, Nico
Nein
Sie hat nein gesagt :)

[...]

4:29 Uhr, Ich
Nachts sind die Gedanken nicht unbedingt gut. Und nach 2 Uhr werden auch keine guten Entscheidungen gefällt, ich würde dir wirklich ans Herz legen dich hinzulegen und einfach zu schlafen.

4:30 Uhr, Nico
HIMYM Fanboy
Zu spät
Gefragt und Korb kassiert
Die schlechten entscheidungen sind schon passiert
Die frage ist, waren sie von mir oder von dir...?

4:32 Uhr, Ich
Dann wollen wir ja nicht, dass noch mehr Ungutes passiert, also legen wir uns jetzt hin.
Nachti.

4:32 Uhr, Nico
Wenn du meinst
Kann dich kaum dran hindern
Denk an mich.
Nachti.

Montag, 5. Mai 2014

#32

Julian nimmt mich gefangen und ich versuche mich aus seinen Armen zu winden. Erfolglos, da er stärker ist als ich. Hilfesuchend strecke ich meine Arme nach Paul aus, der sie ergreift und an mir zieht. "Damit erwürgst du sie nur", lacht Julian, woraufhin Paul versucht seine Arme von mir wegzuschieben. "Nein, warte!", mein er dann jedoch und nimmt eine meiner Hände und schlägt Julian damit. "Das funktioniert nicht", stelle ich fest und grinse. Irgendwie schafft Paul es tatsächlich mich dann zu befreien. Er hält meine Hände weiterhin fest und wir schauen uns an. Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken und bedanke mich bei ihm. Er grinst und zieht dann langsam an mir. Misstrauisch betrachte ich ihn. "Was hast du vor?" Eine Antwort bleibt er mir schuldig, aber im nächsten Moment hat er mich in seine Arme gezogen und umarmt mich fest. "Hah, gayy", kommentiert Julian dann lachend, "ihr seid hetero und umarmt euch, das ist ja so gay." Wir beide kichern, aber noch lassen wir uns gegenseitig nicht los. Ich atme Pauls Geruch ein und er lehnt seinen Kopf gegen meinen, ich kann seine weichen Haare spüren. Lächelnd drücke ich mich noch etwas mehr an ihn. Hier will ich nie wieder weg.


Sonntag, 4. Mai 2014

#31

"Und wovor habt ihr am meisten Angst?", fragt Lilith und dreht sich auf dem Sofa zu uns hin. "Natürlich jetzt nicht Dinge wie "Spinnen" oder so. Ich meine das wie bei mir gerade, mit dem nicht alles aus mir herausgeholt zu haben und so weiter." Mein Körper spannt sich an und ich lege mich auf den Rücken, lasse Annika, die fast sofort anfängt, reden und hoffe, dass weder ihr noch Timo oder Lilith auffällt, wenn ich nicht antworte. Wenn wir bei unseren Übernachtungen philosophisch und persönlich werden, finde ich das ja immer ganz interessant, aber es fällt mir schwer, selbst viel dazu beizutragen, jedenfalls wenn es um mich gehen soll. Lieber sage ich meine Meinung über ein Thema oder höre mir einfach an, was die anderen zu sagen haben.
"Also ich hab am meisten Angst davor gefangen zu werden. Ich meine damit, dass ich an jemanden...festgebunden werde und sozusagen nie frei komme", erzählt Annika. "Das passt zu meinem Gedanken, den ich mal hatte. Ich habe mal versucht, meine Freunde mit Synonymen zu beschreiben und bei dir ist mir damals "Windböe" eingefallen", erwidert Lilith und das nächste sagt sie in einem Tonfall, sodass ich mir unwillkürlich vorstelle, dass sie gerade lächeln muss, auch wenn ich es im Dunkeln nicht erkennen kann, "und einen Windstoß kann man nicht fangen."
Stille kehrt ein. "Ich überlege gerade, was die Antwort auf deine Frage ist", meint Timo dann. Meine Gedanken drehen sich auch um die Frage. Ich weiß, wovor ich Angst habe. Aber welches davon ist das, wovor ich am meisten Angst habe? Verletzt zu werden? Verlassen zu werden? Nichts in meinem Leben erreicht zu haben? Mich jemandem wirklich zu öffnen, jemandem wirklich zu vertrauen? Ich verschränke meine Arme hinter meinem Kopf. Paul kommt mir in den Sinn. Und das Ergebnis eines Psychotests, den ich einmal  gemacht habe. Und auf einmal glaube ich es zu wissen. Doch, ja, ich bin mir eigentlich sicher, dass das die Antwort ist.
Weil ich immer mehr in meinen Gedanken versinke, bekomme ich Timos Antwort kaum noch mit. Danach kehrt wieder Stille ein und ich hoffe inständig, dass sie mich einfach übergehen. "Und Valle? Was ist mit dir? Wovor hast du am meisten Angst?" Ich unterdrücke ein Seufzen.
Nervös spiele ich an der Decke herum und überlege, ob ich das jetzt sagen soll. Natürlich, sie sind meine Freunde. Und ja, ich vertraue ihnen bis zu einem gewissen Grad. "Valle?", fragt Timo. Ich hole Luft und hoffe, meine jetzige Tat nicht zu bereuen. "Ich...ich hab am meisten Angst davor, eine enge Beziehung zu einem Menschen aufzubauen."
"Das musst du näher erläutern."
Ich beiße mir auf die Unterlippe. "Ich halte immer einen gewissen Abstand zu Menschen. Das hängt vor allem mit dem Vertrauen zusammen, ich...ich hab Angst davor, mich jemandem anzuvertrauen. Ich möchte nicht verletzt werden. Und wenn mir jemand zu nahe kommt, schubse ich die Person immer wieder weg."
"Was ist mit Julian?"
"...ja, auch ihn schubse ich ab und zu weg. Eigentlich jeden. Ich glaube, meine Cousine ist die Einzige, die ich noch nie...weggeschubst habe. Das...ist auch der Grund, warum ich mich so dafür fürchte, mal eine richtige Beziehung zu führen. Ich habe Angst davor, jemandem so sehr zu vertrauen und eine solche Bindung zu einem Menschen zu haben."
Die Schreiberin legt Wert auf eine Grunddistanz zu ihren Mitmenschen. Auch gute Kollegen müssen nicht alles wissen. Das war einer der treffendsten Sätze, die ich je bei einem Psychotest herausbekommen habe. Das ist es, was ich immer nur versuche im Ansatz zu erklären, aber dann direkt wieder aufgebe. Nico hat mich einmal gefragt, wovor ich Angst habe, als wir über Paul geredet haben. Ich habe es damals als "Bindungsangst" bezeichnet, weil mir kein besseres Wort einfiel, aber heute würde ich es ihm mit diesem Zusatz erklären. Ich brauche eine Grunddistanz zu meinen Mitmenschen und ich fürchte mich davor, diese aufzugeben. Der Grund, warum ich immer noch Zweifel hege, "endlich ranzugehen" ist zudem, dass ich nicht weiß, ob ich das überhaupt kann und es unfair gegenüber Paul wäre, wenn ich es nicht tue. Eigentlich weiß ich, dass ich es will. Ich will es wirklich. Aber manchmal überkommt mich dann wieder dieser Gedanke und ich weiß nicht, ob ich es kann. Ich hoffe einfach, dass ich es tun werde, wenn es soweit ist.