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Mittwoch, 11. Mai 2016

#67.1

"Hallo?"
"Ja, hallo, hier ist Valerie. Kann ich mit Kevin sprechen?" Es ist seltsam, ihn mit diesem Namen zu nennen, aber so ist nun mal sein erster Vorname und es würde wohl nur zu unnnötigen Komplikationen führen, wenn ich mit meinem Spitznamen für ihn nach ihm frage.
"Ja, Moment."
Ich warte also für einen Augenblick und vernehme dann sein verwirrtes "Halloo?".
"Hey, Maxi", begrüße ich ihn dann lächelnd und bei seinen nächsten Worten kann ich mir sein Gesicht nur zu gut vorstellen. "Ach, Teddy, du bist's. Nicht Melanie." Seine Mutter muss mich wohl falsch verstanden haben und ich lache. Ich mag die Vertrautheit zwischen uns, die allein durch die Spitznamen für den anderen besteht. Man muss nicht einmal die Stimme des Anderen erkennen - keiner auf dieser Welt nennt ihn Maxi außer mir und niemand nennt mich Teddy außer ihm. Wir waren nie die engsten Freunde, die sich jeden Tag treffen und alles erzählen...aber wir waren gute Freunde, die immer aufeinander zählen konnten und obwohl wir uns kaum noch sprechen, ist diese Freundschaft immer zwischen uns geblieben.

Dienstag, 10. Mai 2016

#67

Mit klopfendem Herzen starre ich das Telefon an. Es hämmert gegen meine Brust und ich weiß nicht, ob ich das wirklich tun soll. Es ist nicht der erste Anruf, den ich heute tätige - Natalie, Lisa, Desiree, Theo, Maxi...es ist eine Ewigkeit her, dass ich diese Nummern eingetippt habe. Manche habe ich sogar noch nie eingegeben. Ist es nicht seltsam, dass es mir gar nicht fremd vorkam? Es war so schön, ihre Stimmen wieder zu hören. Komisch war es nur, von ihren Leben zu hören und zu wissen, dass  ich es nicht miterlebt habe. Schließlich war es lang genug so, dass ich dazu beigetragen habe, oder? Aber jetzt ist es nicht mehr so. Seit fast vier Jahren hat sich dieser Zustand geändert und trotzdem war es seltsam, mir anzuhören was sie erlebt haben. Natürlich haben wir nicht lang geredet - schließlich sehe ich sie alle diesen Samstag wieder. Fast muss ich lachen, weil ich gar nicht daran geglaubt habe, dass sie mich sehen wollen. Sind wir nicht mittlerweile Fremde? Alte Freunde leben sich schließlich auseinander, oder? Aber sie schienen mich genauso gern sehen zu wollen wie ich sie. Bis Samstag, habe ich jedes Mal am Ende gesagt. Es ist solange her, dass ich solch eine Floskel ihnen gegenüber benutzen konnte. Ist das überhaupt real?
Aber der nächste Anruf hat eine ganz andere Schwierigkeit. Will ich Esther wirklich sehen? Kleinlaut habe ich Natalie am Telefon gefragt, ob sie meint, dass Esther wohl gut auf mich anzusprechen wäre. Natürlich bin ich diejenige, die sauer gewesen ist, weil ich von ihr links liegen gelassen wurde...aber genauso war ich diejenige, die einfach den Kontakt abgebrochen hat. Wir sind beide schuld, dass unser Neuanfang nicht geklappt hat - obwohl ich in meinem egozentrischen Denken eindeutig ihr die größere gebe.

Trotzdem sitze ich hier auf meinem Bett und spiele die Möglichkeiten durch. Ich bin einfach unverbesserlich. Wieso hänge ich immer so an der Vergangenheit? Das letzte Mal als ich beschlossen hatte, trotz Zweifel eine Chance zu vergeben, bin ich versetzt worden, weil sie einen Freund hatte. Der mein bester Freund war. Jetzt habe ich weder eine beste Freundin noch einen besten Freund - obwohl ich über die Tatsache an sich nicht so traurig bin. Ich brauche das nicht.
Aber es ist ja nur ein Treffen, oder? Und ich würde sie genauso gern wiedersehen wie die anderen. Ich tippe ihre Nummer ein und warte, während es in meiner Brust unermüdlich klopft und klopft und klopft.
"Hallo?" Es ist ihre Mutter. Ich nenne meinen Namen und frage nach ihr, aber sie ist unter der Dusche, also muss ich danach ihren Rückruf abwarten. Schließlich klingelt es und ich nehme mit meinem Namen ab. "Hey!" Ihre Stimme klingt aufgeregt und total glücklich, worüber ich ein wenig verwundert bin. Aber wir reden kurz und es ist alles normal, wie bei den anderen. Vielleicht sogar ein wenig vertrauter. Schließlich frage ich sie genauso, ob sie am Samstag kommen möchte und sie sagt zu.

Und ich kann noch immer nicht fassen, dass ich nach vier Jahren an den Ort zurückkehren werde, der für mich am ehesten das ist, was mein Heimat nennt.