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Mittwoch, 21. Oktober 2015

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Es ist irgendwie unfair, wie man in Gedichte so viele Gefühle in ein paar Zeilen packen kann und ich das gerne können würde. Aber stattdessen muss ich immer die lange Variante wählen, weil ich nur dann mit mir zufrieden bin. Und ich mag lange Texte, ich mag sie wirklich. Wenn man es schafft, ein paar schöne Wortkreationen zu erschaffen, dann lese ich lange Texte gerne und ich schreibe sie gern.
Schließlich ist es das, was mir am Schreiben so viel Spaß macht. Ich nehme gerne Wörter auseinander, baue sie neu zusammen oder tue sie neben andere, die sie nicht gewohnt sind. Dann lernen die Wörter sich neu kennen, klingen zusammen ganz anders als allein oder mit ihren üblichen Partnern und kreieren ein völlig neues Bild. Und das gefällt mir.
Aber manchmal...manchmal scheint es mir unmöglich, meine Gefühle in so einen Text zu packen und andere machen das dann immer in ein paar Zeilen eines Gedichtes. Es scheint viel zu viel Platz zu geben auf dem Papier und es lassen sich keine Worte dafür finden.
Dabei würde ich so gerne darüber schreiben, wie mein Herz aufgeht und sich die Wärme darin ausbreitet, wenn ich dich ansehe oder du mich anlächelst.
Ich würde gerne darüber schreiben, wie deine Arme mein Zuhause sind und mich frei fühle.
Ich würde gerne darüber schreiben, wie gut du in mein Leben passt und was für eine Leere da wäre, wenn du nicht wärst.
Ich würde gerne dem Zitat gerecht werden, dass du nicht stirbst, wenn ein Schriftsteller sich in dich verliebt.
Ich würde gerne in einem Text beschreiben können, wie sehr ich dich liebe, aber ich weiß nicht, wo die Worte dafür zu finden sind und wie sie am besten zueinander passen, damit sie schön klingen und wahr sind.

Montag, 5. Oktober 2015

#62

Nachdem alle aus dem Zimmer raus sind, kehrt eine angenehme Ruhe ein. Ich schließe meine Augen und mache es mir in der Decke gemütlich, hoffe, dass Paul jetzt noch ein wenig Schlaf kriegt. Der Arme hat gestern mitunter am meisten geleistet und dann konnte er auch noch kaum schlafen. Eine ganze Weile - oder doch nur ein paar Minuten? - döse ich so vor mich hin. Obwohl ich jetzt eine Woche lang nicht richtig geschlafen habe, kann ich trotz meiner Müdigkeit nicht wieder einschlafen. Plötzlich höre ich, wie sich jemand bewegt, aber es ist hinter mir. Als ich meine Augen öffne, sehe ich Julian und mir fallen Blitzmomente des gestrigen Abends ein. Julian, wie er sich wegen zu viel Alkohol übergibt. Lilith, wie sie die ganze Reinigung organisiert. Julian, der auf dem Sofa liegt und sich die ganze Zeit entschuldigt. Wie er vor uns zugibt, dass er die letzten Wochen kaum was gegessen hat. Wie Joel und ich vor dem Raum stehen, wo nur Julian und Paul sind und Julian sich weigert aufzustehen, weil seine Depressionen ihn wieder überfallen. Wie Sabine plötzlich anfängt zu weinen. Lilith, Joel und ich im Treppenhaus, einfach nur darauf wartend, dass zu unseren beiden Seiten sich alles einrenkt, ohne etwas tun zu können.
"Morgen", begrüße ich ihn also leise, darauf bedacht, Paul nicht zu wecken. Er antwortet nichts und starrt nur auf den Boden. Ich muss daran denken, wie viel Anstrengung es Paul gekostet haben muss, Julian davon zu überzeugen, mitzukommen. Ich muss daran denken, wie viel Anstrengung es mich früher gekostet hat, mit Julian befreundet zu sein und auf ihn aufzupassen. Ich muss daran denken, wie ich zu Lilith noch gestern Abend meinte, dass Freundschaften mit solchen Menschen einen selbst psychisch angreifen. "Die anderen sind in der Küche", ergänze ich und stehe auf, versuche mir mit verschwommener Sicht ein Bild von ihm zu machen, weil ich meine Brille nicht aufhabe. "Willst du zu ihnen oder dich nicht lieber wieder ins Bett legen?" Ob man mir meine Sorgen anhört? "Nein. Ich will einfach nur hier weg." Diesen Ton kenne ich schon von ihm. Ich versuche ihn nochmal davon zu überzeugen, sich zurück ins Bett zu legen, aber er weigert sich. Also greife ich seinen Arm und führe ihn entschlossen zu den anderen in die Küche, drücke ihn auf einen Stuhl und versichere mich, dass er da sitzen bleibt. Es ist jetzt sicher das Beste, wenn er die Nähe der anderen erfährt. Diesen werfe ich nur einen kurzen müden Blick zu, dann bewege ich mich zurück ins Bett. Nachher muss ich ihn wenigstens heute zum Essen bewegen, aber gerade brauche ich einfach nur meine Ruhe. Aber steht es mir überhaupt zu, mich jetzt um ihn zu kümmern? Oder will ich das überhaupt?