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Montag, 28. November 2016

#76

"Ich muss dir noch was erzählen!", fällt es mir in der Bahn ein, nachdem Nico und ich eingestiegen sind. Wir fahren mittlerweile fast jeden Tag zusammen nach Hause, wenn es uns beiden zeitlich passt. Meistens wartet einer auf den anderen, aber das macht uns nicht wirklich was aus, auch weil es nicht so lang ist. "Was denn?" Interessiert sieht er mich an und ich erzähle ihm von Lena, Julians Freundin, und dass sie Ringe zum Geburtstag bekommen hat, woraufhin er gleich anfangen muss zu grinsen. "Naja, da musste ich direkt an Julian denken", meine ich dann ebenfalls grinsend. "Ich frage mich, ob er die immer noch hat oder sie irgendwie benutzt hat."
"Wahrscheinlich für seine letzten drei Freundinnen", spottet Nico mit einem Lächeln und ich muss kichern.
"Eigentlich würde ich dir Recht geben, aber Lena und er sind schon ewig lang zusammen. 2 Jahre oder so."
"Was, echt?" Ich nicke und wieder lässt er einen abfälligen Kommentar über Julian ab. Die beiden hatten sich nie leiden können. "Naja, ich bin auch froh, ihn losgeworden zu sein."
"Du bist ihn los?" Erstaunt blinzle ich zur Seite. "Du weißt das nicht? Ich bin schon seit 2 Jahren nicht mehr mit Julian befreundet. Wir verbringen nur gezwungenermaßen Zeit miteinander, weil wir den gleichen Freundeskreis haben und ich nicht so kindisch bin."
"Hm, doch, ich glaube..." - "Naja, er hat halt gesagt, ich sei eine scheiß beste Freundin." - "Da hat er ja auch irgendwie Recht." Empört sehe ich ihn an, während er mir verschmitzt entgegen grinst, dann drehe ich mich beleidigt weg. "Weißt du was? Fahr doch allein nach Hause." - "Nein, okay, tut mir ja leid, erzähl weiter." Entschuldigend sieht er mich an und ich verdrehe meine Augen, grinse aber schon selbst leicht und dann sprudelt auch schon die ganze Geschichte aus mir heraus. Erst beim Erzählen wird mir wirklich bewusst, wie nah mir das noch heute geht. Dass er gesagt hat, ich sei eine schlechte Freundin, obwohl er mir nicht einmal etwas von Lena erzählt hatte und mich angemotzt hatte, als ich Interesse gezeigt habe, weil doch alles offensichtlich sei. Dass er mir vorgeworfen hat, ich würde mir nicht genug Mühe geben, obwohl er sich selbst zu fein gefühlt hat, uns auch nur einander vorzustellen. "Der ist so ein Idiot, ich hab's dir schon damals gesagt", schließt Nico nur ab und ich schmunzle, kann ihm aber nicht widersprechen. Ja, er war schon damals der Meinung, dass Julian mir nicht gut tut und im Nachhinein betrachtet hatte er Recht. Ich erinnere mich immer noch an seine Worte, die er mir so oft gesagt hatte. Dass ich Julian abschießen sollte, ich hätte ja ihn. Und wie ich das immer mit einem Lachen abgetan habe und er nicht so albern sein soll, aber irgendwie...irgendwie hat Nico damit von Anfang an Recht gehabt.

Dienstag, 22. November 2016

#75

"Ihr verlasst mich jetzt also alle einfach?", frage ich mit gespieltem Vorwurf in der Stimme und sehe Simon, Jan-Luca und Thomas an. Die grinsen mich nur entschuldigend an. "Joa, wir tun ja hier eh nichts mehr, dann starte ich lieber ins Wochenende", meint Jan-Luca dann und ich verdrehe meine Augen, verabschiede sie aber mit einem Lächeln. Wer hätte gedacht, dass ich in diesem Studiengang so wunderbare Menschen kennenlernen würde? Und wem hätte ich schon vor ein paar Jahren geglaubt, dass Nico und ich uns mal einen Teil unseres Alltags teilen würden nach sechs Jahren langer, zum Teil doch sehr anstrengender und dramatischer, Freundschaft, die doch ihren Anfang im Internet fand? Ich drehe mich zur Seite, beschließe mich eben neben Nico zu setzen, der seit zwei Stunden am Nachbartisch sitzt und mit seinem Studienfreund  Daniel Übungsblätter korrigiert. Ich ziehe einen Stuhl heran und platziere ihn neben Nico, lasse mich drauf fallen und spähe ihm über die Schulter. "Du setzt dich zu uns?", meint er dann fragend und sieht mich an, woraufhin ich nicke. "Ja, der Rest hat mich allein gelassen", erkläre ich dann mit einem Grinsen und wir unterhalten uns, während Daniel und er die Blätter durchgehen. Irgendwie komme ich dann mit Daniel ins Gespräch und wir wollen uns über Cursed Child unterhalten, wobei Nico sich mit Kopfhörern ausklinken muss, weil er das Buch noch lesen will. Begeistert stelle ich fest, dass Nicos Freund tatsächlich ein Potterhead ist, auch wenn unsere Meinungen über Cursed Child wohl auseinander gehen und als wir fertig sind, ziehen wir Nico die Kopfhörer aus den Ohren. "Wir haben uns ausgepottert", erklärt Daniel dann mit einem schiefen Grinsen und ich muss leise kichern. "Weißt du, woher wir uns kennen?", fragt Nico ihn dann und blinzelt zu mir rüber, was ich mit einem breiten Grinsen quittiere. "Nein, woher?" Ich überlasse ihm die Antwort und warte nur gespannt die Reaktion ab. "Von einer Harry Potter Fanseite."
"Nein, echt?" Ein erstaunter Blick und ich bestätige es mit einem Nicken, während mein Blick rüber zu Nico gleitet, der mich ebenfalls ansieht. Wir lächeln uns an und ich kann kaum in Worte fassen, wie froh ich bin, dass ich es bis zu diesem Moment geschafft habe, weil mein Leben nie schöner war als jetzt.

Dienstag, 15. November 2016

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #4

Lieber Julian,
wer hätte gedacht, dass ich mal an diesem Punkt sein würde? Dass wir mal hier enden würden? Ich habe in den letzten Jahren viel über uns und unsere innige Freundschaft nachgedacht, die wir geführt haben. Ich habe daraus so viele Erkenntnisse gewonnen und trotzdem...eine wirkliche Antwort darauf, wie das alles so plötzlich zu Bruch gehen konnte, habe ich noch immer nicht gefunden. Obwohl so viel in unserer Freundschaft schief gelaufen ist, hat sie uns doch eigentlich glücklich gemacht, oder nicht? Das hab ich immer gedacht...und ich dachte, du auch. Aber irgendwie müssen wir wohl doch unglücklich gewesen sein, uns gegenseitig unglücklich gemacht haben, denn sonst wären wir jetzt nicht da, wo wir eben sind. Weit voneinander entfernt. Und ich für meinen Teil bin auch noch froh darum, so hart es auch klingt.
Mittlerweile glaube ich, wir hatten eine ziemlich ungesunde Beziehung zueinander. Du hast immer so viel von mir gefordert und ich habe mich verpflichtet gefühlt, diese Forderungen einzuhalten. Und ich habe so viel von dir erwartet und das stand immer unausgesprochen zwischen uns. Wir beide haben so viele Fehler begangen in dieser Freundschaft und ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, oder ich es nur so empfinde, weil ich mir selbst nicht so viel Schuld zuschreiben möchte, aber nachdem ich so viel über uns nachgedacht habe, glaube ich behaupten zu dürfen, dass du den Hang dazu hattest, Beziehungen ungesund zu machen. Es war ja schließlich nicht das erste Mal, oder? Als deine beste Freundin habe ich so viel miterlebt von den Dingen, die du getan hast und dich nicht dafür verurteilt. Damals. Heute muss ich zugeben, dass ich mein jüngeres Ich in dem Punkt einfach nicht mehr verstehen kann. Bin ich jetzt schlauer oder einfach intoleranter geworden?
Ich glaube, das Schlimmste an unserer Freundschaft war für mich immer, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dir gegenüber verpflichtet. Als müsste ich für dich da sein, als müsste ich für dich glücklich sein, als müsste ich dafür sorgen, dass du glücklich bist - als müsste ich dich durch dein Leben begleiten. Es hat sich manchmal gar nicht mehr wie mein eigener, freier Wille angefühlt. Sollte ich mich dafür schlecht fühlen? Oder eher du? Schließlich warst du derjenige, bei dem man sich zu bestimmten Zeiten nicht sicher sein konnte, ob du am nächsten Tag aufwachen würdest.
Und Julian, das war das eigentlich wirklich Furchtbare an dieser Freundschaft, das Unerträgliche. Denn egal was ich getan habe, ich hatte nie das Gefühl, genug getan zu haben, weil es dich nie an das Leben gebunden hat. Du hast immer nur versucht, dich noch stärker davon loszureißen und es gibt nur Weniges, das mich in meinem Leben so traurig gemacht hat wie diese Tatsache. Denn du warst eigentlich so voller Leben und es war ansteckend, aber es war laut dir alles nur gespielt. Ich verstehe bis heute nicht, wie du nicht selbst merken konntest, dass Leben in dir stecken muss, damit du es bei anderen verbreitest. Lebendigkeit kann man nicht schauspielern, Julian. Ich wünschte, das hättest du damals begriffen, weil es uns Vieles erleichtert hätte.
Ich weiß noch immer nicht, wo genau der Punkt war, an dem man im Nachhinein sagen kann, dass es da war, wo alles schief ging zwischen uns. So schief, dass ich diese Freundschaft zwischen uns nicht mal wirklich vermisse. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich sie nicht bereue, auch wenn ich um ihr Ende froh bin. Ich glaube, du denkst heute ähnlich. Ich würde es dir jedenfalls nicht übel nehmen. Wir haben eben einfach gelernt, ohne einander zu leben. Wir waren nun mal einfach nicht füreinander gemacht, in keinster Weise. Es tut mir leid, dass ich nicht die beste Freundin war, die du gebraucht hast.

Valerie