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Dienstag, 15. November 2016

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #4

Lieber Julian,
wer hätte gedacht, dass ich mal an diesem Punkt sein würde? Dass wir mal hier enden würden? Ich habe in den letzten Jahren viel über uns und unsere innige Freundschaft nachgedacht, die wir geführt haben. Ich habe daraus so viele Erkenntnisse gewonnen und trotzdem...eine wirkliche Antwort darauf, wie das alles so plötzlich zu Bruch gehen konnte, habe ich noch immer nicht gefunden. Obwohl so viel in unserer Freundschaft schief gelaufen ist, hat sie uns doch eigentlich glücklich gemacht, oder nicht? Das hab ich immer gedacht...und ich dachte, du auch. Aber irgendwie müssen wir wohl doch unglücklich gewesen sein, uns gegenseitig unglücklich gemacht haben, denn sonst wären wir jetzt nicht da, wo wir eben sind. Weit voneinander entfernt. Und ich für meinen Teil bin auch noch froh darum, so hart es auch klingt.
Mittlerweile glaube ich, wir hatten eine ziemlich ungesunde Beziehung zueinander. Du hast immer so viel von mir gefordert und ich habe mich verpflichtet gefühlt, diese Forderungen einzuhalten. Und ich habe so viel von dir erwartet und das stand immer unausgesprochen zwischen uns. Wir beide haben so viele Fehler begangen in dieser Freundschaft und ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, oder ich es nur so empfinde, weil ich mir selbst nicht so viel Schuld zuschreiben möchte, aber nachdem ich so viel über uns nachgedacht habe, glaube ich behaupten zu dürfen, dass du den Hang dazu hattest, Beziehungen ungesund zu machen. Es war ja schließlich nicht das erste Mal, oder? Als deine beste Freundin habe ich so viel miterlebt von den Dingen, die du getan hast und dich nicht dafür verurteilt. Damals. Heute muss ich zugeben, dass ich mein jüngeres Ich in dem Punkt einfach nicht mehr verstehen kann. Bin ich jetzt schlauer oder einfach intoleranter geworden?
Ich glaube, das Schlimmste an unserer Freundschaft war für mich immer, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dir gegenüber verpflichtet. Als müsste ich für dich da sein, als müsste ich für dich glücklich sein, als müsste ich dafür sorgen, dass du glücklich bist - als müsste ich dich durch dein Leben begleiten. Es hat sich manchmal gar nicht mehr wie mein eigener, freier Wille angefühlt. Sollte ich mich dafür schlecht fühlen? Oder eher du? Schließlich warst du derjenige, bei dem man sich zu bestimmten Zeiten nicht sicher sein konnte, ob du am nächsten Tag aufwachen würdest.
Und Julian, das war das eigentlich wirklich Furchtbare an dieser Freundschaft, das Unerträgliche. Denn egal was ich getan habe, ich hatte nie das Gefühl, genug getan zu haben, weil es dich nie an das Leben gebunden hat. Du hast immer nur versucht, dich noch stärker davon loszureißen und es gibt nur Weniges, das mich in meinem Leben so traurig gemacht hat wie diese Tatsache. Denn du warst eigentlich so voller Leben und es war ansteckend, aber es war laut dir alles nur gespielt. Ich verstehe bis heute nicht, wie du nicht selbst merken konntest, dass Leben in dir stecken muss, damit du es bei anderen verbreitest. Lebendigkeit kann man nicht schauspielern, Julian. Ich wünschte, das hättest du damals begriffen, weil es uns Vieles erleichtert hätte.
Ich weiß noch immer nicht, wo genau der Punkt war, an dem man im Nachhinein sagen kann, dass es da war, wo alles schief ging zwischen uns. So schief, dass ich diese Freundschaft zwischen uns nicht mal wirklich vermisse. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich sie nicht bereue, auch wenn ich um ihr Ende froh bin. Ich glaube, du denkst heute ähnlich. Ich würde es dir jedenfalls nicht übel nehmen. Wir haben eben einfach gelernt, ohne einander zu leben. Wir waren nun mal einfach nicht füreinander gemacht, in keinster Weise. Es tut mir leid, dass ich nicht die beste Freundin war, die du gebraucht hast.

Valerie

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