Seiten

Donnerstag, 30. November 2017

#93

Als ich meinen Rucksack durchkrame, fällt mir auf, dass mein einer Block irgendwie unter die anderen gerutscht ist. Also hole ich einen Teil des Inhalts meiner Tasche heraus und breite ihn auf dem Tisch aus, an dem ich mit Jonas und Freschta sitze, um nach dem Block zu greifen. Dadrunter fallen auch meine Notizbücher, in denen ich Plotideen aufschreibe und herumschwirrende Gedanken festhalte. Während ich angestrengt nach dem Block krame, bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie Jonas eines der Notizbücher in die Hand nimmt und ich überlege kurz, ob ich etwas sagen soll, denn normalerweise sind mir diese Bücher heilig und niemand darf sie sehen. Aber dann stelle ich fest, dass es mich nicht stört, also kümmere ich mich nicht weiter darum.
Nach einigen Sekunden kann ich mir jedoch einen Kommentar nicht verkneifen und meine in Richtung meines Rucksacks: "Ich hoffe, dir ist bewusst, was für eine hohe Stellung du in meinem Leben hast, dass ich dich nicht schon längst angeschrien habe, weil du dir einfach mein Notizbuch genommen hast." "Ja, ich wollte gerade sagen, ich war richtig erstaunt und hab darauf gewartet", ergänzt Freschta völlig entsetzt und überrascht.
Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ja, die Freundschaft zwischen Jonas und mir ist wohl ziemlich besonders und mein Vertrauen zu ihm unglaublich, wenn man bedenkt, dass wir uns gerade mal seit gut zwei Monaten kennen. Aber deswegen schätze ich sie umso mehr und bin jeden Moment froh darum, dass wir uns kennengelernt haben.

Donnerstag, 9. November 2017

#92

Wir stehen draußen vor der Mensa, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Ich war mit Freschta und Helene eine Runde spazieren, jetzt leisten wir Jonas, Tobi und Milan Gesellschaft. Heute war ein ziemlich produktiver Tag, was meine gute Laune erklären könnte. Aus einem Impuls heraus umarme ich Jonas, der direkt neben mir steht, und kichere kurz, dann lasse ich ihn wieder los. "Hey, warte, meine Arme waren gar nicht frei, das machen wir nochmal", meint er mit einem leicht vorwurfsvollen Ton und zieht mich wieder an sich. Wir drücken uns fest, dann hebt er mich leicht hoch und fängt an mich herumzuwirbeln.
"Jonas!", rufe ich leicht panisch, da es immer schneller wird, aber er lacht nur, hält mich fester und dreht weiter. Ich habe wohl kaum eine Wahl und kralle mich schon fast an ihn. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich stehen bleibt, und das vermutlich nur, weil ihm selbst schwindlig wird. Auf jeden Fall müssen wir uns aneinander festhalten. Ein weiteres Lachen entweicht uns und ich schüttle den Kopf, während ich versuche ihn anklagend anzusehen, aber er grinst mich nur frech an.

Montag, 30. Oktober 2017

#91

"Weißt du, heute war da wieder sowas zwischen euch", meint Freschta zu mir, während wir zu zweit in unserem Lieblingscafé sitzen, und ich sehe sie mit schief gelegtem Kopf an. "Was meinst du?"
"Naja, mit Jonas und dir. Als ihr darüber gesprochen habt, euch zu zweit zu treffen." Verwirrt runzle ich die Stirn, da ich nicht weiß, was sie meint, daher fühlt sie sich aufgefordert es weiter auszuführen: "Also es war alles total normal bis dahin. Du hast dich halt an ihn gelehnt wie du dich an uns alle immer anlehnst. Aber als ihr dann darüber geredet habt und euch so angeschaut habt... man hatte einfach das Gefühl, als würdet ihr euch ewig kennen, dabei waren das jetzt gerade mal drei Wochen." Sie muss bei dem letzten Teil lachen und ich  muss ebenfalls etwas grinsen, schüttle dann jedoch den Kopf. Das Problem ist, dass ich es ihr nicht erklären kann, weil der Grund unseres Treffen geheim bleiben muss, weil wir seinen Geburtstag nachfeiern. Und er will nicht, dass Leute seinen Geburtstag kennen. "Du, ehrlich, ich hab davon gar nichts gemerkt. Wir verstehen uns einfach gut." Und das ist die Wahrheit. Ich hab mich selten so schnell bei jemandem wohl gefühlt und es hat selten so gut zwischen einem anderen Menschen und mir gepasst.
"Ja, klar, ich weiß. Echt, ich kenn dich. Simon und Jan haben mich da aber schon komisch angeschaut, so nach dem Motto "Läuft da was?" und ich hab denen dann auch zu verstehen gegeben, da sei nichts. Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich das aber auch denken. Aber ich weiß ja, wie du mit Paul bist, man muss euch ja nur mal zusammen gesehen haben." Sie lächelt und zuckt mit den Schultern und ich muss schmunzeln.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

#90

"Sag mal, hast du die 6b gelöst?", fragt Jonas mich und schaut mich fragend an. Die DGL Vorlesung ist vorbei und eigentlich habe ich frei, während er noch für seine AlMa-Übung sitzen bleibt. Allerdings wollte ich ihn etwas fragen, aber jetzt ist er mir zuvorgekommen.
"Oh, ja, das hab ich", erwidere ich stolz und krame bereits nach meiner Mappe. "Soll ich es dir zeigen?"
"Was hast du denn raus?"
"Wurzel n." "Ich wusste, dass das rauskommt! Wie hast du das gezeigt?" Als ich meine Notizen heraushole und sie ihm zeige, fange ich an, meinen Gedankengang zu erklären, doch er versucht mich zu unterbrechen. "Hey, nein, du bist jetzt still und hörst zu, das ist meine Lösung, okay?", bremse ich ihn dann gespielt wütend und schaue ihn dementsprechend an. Er grinst nur und versucht wieder die Führung zu übernehmen und ich kann nicht anders als zu lachen, lasse mich jedoch nicht unterkriegen und schließlich überlässt er mir das Ruder. Als ich fertig bin, muss er trotzdem einen draufsetzen und mir sagen, wie es kürzer gegangen wäre. "Pff, Angeber", meine ich dann. "Aber eigentlich wollte ich etwas fragen."
"Was denn?" "Weißt du, welche Aufgaben wir vorrechnen müssen?" Ich scheine irgendein Stichwort genannt zu haben, denn plötzlich fällt ihm etwas ein und er tippt seinen Sitznachbarn Luka aufgeregt an und verfällt in einen Redeschwall. "Äh, hallo, können wir bitte zuerst meine Frage klären? Ich will auch mal weg hier", unterbreche ich ihn dann lachend und schnippe vor sein Gesicht, das seinen Blättern zugewandt ist. "Äh, nein können wir nicht, denn ich weiß die Antwort auf deine Frage nicht." "Wieso stehe ich dann noch hier?" "Weil ich deine Präsenz zu schätzen weiß und genieße?" Er grinst mich an und ich verdrehe, ebenfalls grinsend, meine Augen. "Dann tut es mir sehr leid, aber unter diesen Umständen werde ich dich dann doch verlassen", verabschiede ich mich dann in einem ernsten Ton und halte dabei dramatisch seine Hände, er spielt mit und tut, als würde ihm der Abschied schwerfallen, danach lachen wir beide und ich verlasse, die Hand noch zum Abschied gehoben, den Raum.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #7

Lieber Nico,
ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals wieder in diese Situation kommen würde. Ich werde nur dieses Mal schlauer, konsequenter sein als das letzte Mal.
Weißt du, du warst mir immer einer meiner liebsten Freunde, weil das Besondere an unserer Freundschaft war, dass man nie die Pausen bemerkt hatte. Wir kannten uns lange Zeit nur über das Internet, wir hatten verdammt schlimme Tiefen und nicht immer bestand es gut um sie. Aber wir haben es immer irgendwie darüber hinweggeschafft und jedes Mal war unsere Freundschaft danach besser. Und sie hatte nicht ständigen Input gebraucht. Wir konnten monatelang nichts voneinander hören, aber dann hat sich einer beim anderen gemeldet und alles war ganz normal. Die Gespräche flossen, trugen sich selbst und wir konnten lachen und Spaß haben.
Ich vermisse das. Denn du kannst mir nicht erzählen, dass sich im letzten Jahr nichts geändert hat. Was ist es? Liegt es daran, dass ich angefangen hab in derselben Uni zu studieren wie du? Es hatte sich zwischen uns nie etwas geändert, als ich hergezogen war vor fünf Jahren. Es ist erst anders geworden, als wir unseren Alltag teilen konnten. Dabei ist es nicht mal so, als hätten wir uns oft gesehen. Nur eben öfter. Und am Anfang war sogar alles gut. Nur dann eben irgendwie nicht mehr. Und ehrlich gesagt verstehe ich nicht wieso.
Du schreibst mir nicht mehr und ich bin müde davon, immer selbst den Kontakt zu suchen. Ich bin müde davon, das Gespräch so verkrampft am Laufen zu halten und doch nur über oberflächliche Dinge im Leben zu reden. Ich bin müde davon, nichts mehr von dieser Freundschaft zu spüren. Ich bin müde davon, traurig darüber zu sein, dass wir irgendwie jede Hürde in sechs Jahren überwunden haben, nur nicht diese.
Man sagt, Freundschaften, die sieben Jahre andauern, halten ein Leben lang. Es macht mich traurig zu wissen, dass wir so kurz vor dieser Marke gescheitert sind. Es macht mich traurig, dass eine von den wenigen langen Freundschaften, die ich gepflegt habe, jetzt nicht mehr vorhanden zu sein scheint, denn das ist immer eines der kostbarsten Dinge in meinem Leben gewesen. Es macht mich traurig, mich immer zu fragen, ob das wirklich das Ende gewesen ist, und doch nie eine Antwort von dir zu erhalten.

Lilly

Donnerstag, 13. Juli 2017

#89

Als ich gerade aus dem Gebäude trete, in dem ich gerade Übung hatte, begegne ich überraschenderweise Janina, eine Biochemikerin, mit der ich mich ganz gut verstehe. Naja, wahrscheinlich sogar am besten von allen, auf jeden Fall rede ich mit ihr und Attila am meisten. Sonderlich tiefgreifend ist diese Bekanntschaft nicht, ich bin nicht mal sicher, ob ich es Freundschaft nennen kann, weil wir uns zwar dreimal die Woche sehen, aber irgendwie muss ja jeder immer seinen Weg gehen.
Wir lächeln uns erfreut an. Heute nach der Vorlesung haben wir uns nicht gesprochen, weil Simon und ich etwas mit dem Professor klären mussten und danach war sie schon weg. "Hey, was machst du denn hier?", frage ich sie und sie erklärt, dass sie frei hat und wir unterhalten uns ein paar Minuten. "Und wie war es in der verlassenen Halle?", frage ich dann schließlich, weil sie letztes Wochenende mit Lukas bei irgendeiner Veranstaltung war, die, auf die Location bezogen, ziemlich zwielichtig klang. "Ach, das war keine Halle, das ist da vorne", meint sie und zeigt auf ein Gebäude, das gegenüber auf der anderen Straßenseite ist und berichtet davon, wie cool es war und wie viel Spaß es gemacht hätte. "Du kannst ja nächstes Mal mitkommen und es selbst sehen." Einen Moment bin ich überrascht und ich muss kurz an Lukas denken. Aber dann schiebe ich den Gedanken beiseite, weil das Janina ist und sie nett ist und nicht so eine Idiotin wie er. "Ich kann ja mal gucken, wenn es das nächste Mal ansteht", erwidere ich dann und lächle, verabschiede mich auch bald danach von ihr. Vielleicht ist es ja doch eine Freundschaft.

Montag, 26. Juni 2017

#88

Mit guter Laune gehen Paul und ich zurück in den Saal, nachdem wir beide gerade unsere Wasserflasche im Foyer geleert haben. Wir sind auf einem Tanzball, von der mathematischen Fakultät seiner Uni organisiert. Unsere Anwesenheit haben wir wohl vor allem Max zu verdanken, der all seine Freunde hierhin verschleppt hat und mich damit bequatscht hat, da Paul sich zunächst ziemlich gewehrt hatte.
Wir gehen zu dem Tisch, an dem sich unsere Gruppe breit gemacht hat, und wollen uns gerade setzen, als plötzlich Freddy an unserer Seite auftaucht. Er begrüßt Paul noch einmal und ich lächle ihn freundlich an, als er sich an mich wendet. "Valerie, würdest du mir einen Tanz mit dir gewähren?", fragt er dann galant und lächelt, während er mir seinen Arm hinhält. Meine Augen weiten sich vor Überraschung und ich werfe einen kurzen Blick zu Paul, einfach weil ich so erstaunt bin über diese Situation und gar nicht weiß, was ich tun soll, auch wenn ich mich ziemlich geschmeichelt fühle. Schließlich passiert mir sowas nie, auch wenn es das natürlich nicht muss. Aber dann nicke ich, denn es spricht ja nichts dagegen, oder? "Klar, gerne. Aber ich bin nicht so gut", füge ich warnend hinzu und grinse schief, aber Freddy lacht nur und dann bewegen wir uns schon gemeinsam auf die Tanzfläche.
Es ist ziemlich seltsam, mit jemand anderem als Paul zu tanzen, auch weil ich das vorher noch nie getan habe. Ich kenne nur Pauls Führungsart und es gibt auch ein paar Schwierigkeiten, die Freddy und ich aber irgendwie meistern und auch wenn es anfangs komisch ist, haben wir beide viel Spaß zusammen.
Als wir zu Paul zurückkehren, nimmt er mich in seine Arme. "Na, eifersüchtig gewesen?", necke ich ihn und grinse und er verdreht die Augen, drückt mich aber fest an sich. "Ja, schon ein bisschen", meint er dann und grinst auch. "Das hier ist schließlich meins." Zur Verdeutlichung, was er meint, drückt er noch einmal fest und ich lache und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. "Mit Freddy zu tanzen war sowieso vor allem überfordernd, also keine Sorge", zwinkere ich und er küsst mich, während sich in meinem Herzen diese Wärme ausbreitet, die ich hoffentlich nie verlieren werde genauso wie ihn.