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Dienstag, 10. Januar 2017

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #5

Liebe Natalie,
die Freundschaft zu dir war nicht immer einfach, aber sie war immer da. Von Anfang an. Eigentlich hat es zwischen uns sofort gestimmt und wir haben uns super verstanden. Irgendwie hat es direkt gepasst. Wir haben in diesen vier Jahren eine ganze Menge erlebt und durchgestanden und ich bin wirklich froh darum, dass du immer da gewesen bist. Ich habe immer gewusst, dass ich zu dir kommen könnte und du hast mir so oft bewiesen, dass ich nicht falsch liege. Wenn bei jemandem ein Geheimnis gut aufbewahrt war, dann war es bei dir, denn du wusstest genau, wie man schweigt. Manchmal war es wohl für andere unverständlich, wieso du ausgerechnet mit mir und Esther rumhingst, warst du doch ganz anders als wir. Du hattest schon immer mehr Mädchenklischees als wir erfüllt. Aber das war eigentlich nie ein Problem für uns, weil unsere Charakter aufeinander abgestimmt waren. Du hast uns verstanden, wenn uns alle nur belächelt haben. Du hast mit uns gelacht, wenn uns jeder für bescheuert gehalten hat. Und du hast uns nie für etwas verurteilt. Du hast uns immer so akzeptiert, wie wir waren.
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich dir sonst noch schreiben kann. Es ist nicht so, als gäbe es da nichts, nur scheint es nicht wert zu sein, aufgeschrieben zu werden. Mit Esther warst du meine beste Freundin und ich war wirklich froh darum. Mein Gott, wir haben ja sogar noch Kontakt gehabt nach dem Umzug. Vielleicht habe ich dir nichts zu sagen, weil mich das Ende unserer Freundschaft auf einer ganz anderen Ebene traurig macht als bei den anderen. Weil unsere nie ein Ende gefunden hat.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, einander zu schreiben.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns bei dem anderen zu melden.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, miteinander zu reden.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns für den anderen zu interessieren.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns um diese Freundschaft zu bemühen.
Und Natalie, das macht mich noch heute so traurig. Denn ich werde nie wissen, ob wir es nicht vielleicht doch geschafft hätten, weil wir beide auf halbem Weg aufgehört haben. Ohne ersichtlichen Grund. Irgendwann hat unsere Freundschaft einfach aufgehört. Ich glaube, mir wäre ein Streit lieber gewesen, denn dann hätte ich wenigstens verstanden, wieso das alles zu Ende ging.

Valerie

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