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Donnerstag, 21. Januar 2016

#64

"Wir haben dich heute übrigens in Englisch gefunden", erzählt Paul gerade Julian und ich grinse. Er meint den Romeo aus der Verfilmung mit Leonardo DiCaprio; es ist allerdings eher neckend gemeint, weil er auf die Tatsache anspielt, dass sich Romeo, da seine letzte Geliebte ihn nicht wollte, plötzlich direkt neu verliebt - eben in Juliet. Fragend sieht Julian Paul an, der dann erklärt, dass wir diesen Film gesehen haben.
"Ich war sogar mal Romeo", erzählt er dann und Paul gluckst. "Für wen? Josi?" Bei seinen Worten muss ich anfangen zu lachen und Julian sieht mich verwirrt an. "Warum lachst du?"
"Keine Ahnung, niemand lacht über meine Witze außer sie. Aber ich sehe es als Indikator dafür, dass sie die Richtige ist", meint Paul dann und ich lächle breit. Ich hoffe es doch.

Sonntag, 10. Januar 2016

#63

Ich schlendere durch den Supermarkt und sehe mich dabei in den Regalen um. Meine Eltern sind schon vorgegangen, aber anders als früher, als ich noch klein war, rufen sie mich nicht alle 2 Sekunden, damit ich hinterher komme. Jetzt halten sie mich wohl für alt genug, um mitzuhalten und so bleibe ich auch zwischendurch stehen, um mir bestimmte Sachen genauer anzusehen.
Es ist ein Kaufland. Ziemlich lang her, dass ich in einem Supermarkt dieser Kette war. Wirklich schon dreieinhalb Jahre? Vielleicht war ich ja doch seit meinem Umzug wieder da, aber erinnern kann ich mich nicht daran. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an.
Ich lande in der Süßigkeitenabteilung. Abgesehen davon, dass die Regale an einem anderen Platz stehen und vertikal zur Kasse sind statt horizontal, sind sie gleich aufgebaut wie der Kaufland, in dem ich früher fast täglich war. Der neben meiner alten Schule. Wir sind immer alle in der Mittagspause hingegangen, um uns unser Mittagessen zu kaufen. Klar, dass da meistens was zum Naschen noch mitgegangen ist. Selten fünfmal das Gleiche, eher fünf verschiedene Sachen, die man dann miteinander teilen konnte.
Plötzlich fällt mein Blick auf Gummiwürmer und das erwischt mich doch kalt. Ich bleibe stehen und starre diese Packung an. Eine Zeit lang waren die total beliebt bei uns in der Stufe. Jeder dritte hat sich die gekauft, es muss in der 6. Klasse gewesen sein. Ich hab mir auch mal so eine Packung gekauft, weil die echt lecker waren. Die Phase ging auch bald vorüber. Mir fällt auf, dass ich diese Gummiwürmer nie woanders gesehen habe als in einem Kaufland.
Mich überkommt der Drang, mir diese Packung zu nehmen und meine Eltern zu überreden, sie mir zu kaufen.
Ich vermisse die alten Zeiten.
Ein wenig verspüre ich den Wunsch, noch einmal zurückzukönnen. Für einen normalen Tag von damals.
Aber die Vergangenheit sollte man ruhen lassen. Ich lasse die Packung im Regal.
Vermutlich würden mir die Gummiwürmer heute gar nicht mehr schmecken. In Erinnerungen wirkt doch immer alles besser, als es war.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

- 6 -

Es ist irgendwie unfair, wie man in Gedichte so viele Gefühle in ein paar Zeilen packen kann und ich das gerne können würde. Aber stattdessen muss ich immer die lange Variante wählen, weil ich nur dann mit mir zufrieden bin. Und ich mag lange Texte, ich mag sie wirklich. Wenn man es schafft, ein paar schöne Wortkreationen zu erschaffen, dann lese ich lange Texte gerne und ich schreibe sie gern.
Schließlich ist es das, was mir am Schreiben so viel Spaß macht. Ich nehme gerne Wörter auseinander, baue sie neu zusammen oder tue sie neben andere, die sie nicht gewohnt sind. Dann lernen die Wörter sich neu kennen, klingen zusammen ganz anders als allein oder mit ihren üblichen Partnern und kreieren ein völlig neues Bild. Und das gefällt mir.
Aber manchmal...manchmal scheint es mir unmöglich, meine Gefühle in so einen Text zu packen und andere machen das dann immer in ein paar Zeilen eines Gedichtes. Es scheint viel zu viel Platz zu geben auf dem Papier und es lassen sich keine Worte dafür finden.
Dabei würde ich so gerne darüber schreiben, wie mein Herz aufgeht und sich die Wärme darin ausbreitet, wenn ich dich ansehe oder du mich anlächelst.
Ich würde gerne darüber schreiben, wie deine Arme mein Zuhause sind und mich frei fühle.
Ich würde gerne darüber schreiben, wie gut du in mein Leben passt und was für eine Leere da wäre, wenn du nicht wärst.
Ich würde gerne dem Zitat gerecht werden, dass du nicht stirbst, wenn ein Schriftsteller sich in dich verliebt.
Ich würde gerne in einem Text beschreiben können, wie sehr ich dich liebe, aber ich weiß nicht, wo die Worte dafür zu finden sind und wie sie am besten zueinander passen, damit sie schön klingen und wahr sind.

Montag, 5. Oktober 2015

#62

Nachdem alle aus dem Zimmer raus sind, kehrt eine angenehme Ruhe ein. Ich schließe meine Augen und mache es mir in der Decke gemütlich, hoffe, dass Paul jetzt noch ein wenig Schlaf kriegt. Der Arme hat gestern mitunter am meisten geleistet und dann konnte er auch noch kaum schlafen. Eine ganze Weile - oder doch nur ein paar Minuten? - döse ich so vor mich hin. Obwohl ich jetzt eine Woche lang nicht richtig geschlafen habe, kann ich trotz meiner Müdigkeit nicht wieder einschlafen. Plötzlich höre ich, wie sich jemand bewegt, aber es ist hinter mir. Als ich meine Augen öffne, sehe ich Julian und mir fallen Blitzmomente des gestrigen Abends ein. Julian, wie er sich wegen zu viel Alkohol übergibt. Lilith, wie sie die ganze Reinigung organisiert. Julian, der auf dem Sofa liegt und sich die ganze Zeit entschuldigt. Wie er vor uns zugibt, dass er die letzten Wochen kaum was gegessen hat. Wie Joel und ich vor dem Raum stehen, wo nur Julian und Paul sind und Julian sich weigert aufzustehen, weil seine Depressionen ihn wieder überfallen. Wie Sabine plötzlich anfängt zu weinen. Lilith, Joel und ich im Treppenhaus, einfach nur darauf wartend, dass zu unseren beiden Seiten sich alles einrenkt, ohne etwas tun zu können.
"Morgen", begrüße ich ihn also leise, darauf bedacht, Paul nicht zu wecken. Er antwortet nichts und starrt nur auf den Boden. Ich muss daran denken, wie viel Anstrengung es Paul gekostet haben muss, Julian davon zu überzeugen, mitzukommen. Ich muss daran denken, wie viel Anstrengung es mich früher gekostet hat, mit Julian befreundet zu sein und auf ihn aufzupassen. Ich muss daran denken, wie ich zu Lilith noch gestern Abend meinte, dass Freundschaften mit solchen Menschen einen selbst psychisch angreifen. "Die anderen sind in der Küche", ergänze ich und stehe auf, versuche mir mit verschwommener Sicht ein Bild von ihm zu machen, weil ich meine Brille nicht aufhabe. "Willst du zu ihnen oder dich nicht lieber wieder ins Bett legen?" Ob man mir meine Sorgen anhört? "Nein. Ich will einfach nur hier weg." Diesen Ton kenne ich schon von ihm. Ich versuche ihn nochmal davon zu überzeugen, sich zurück ins Bett zu legen, aber er weigert sich. Also greife ich seinen Arm und führe ihn entschlossen zu den anderen in die Küche, drücke ihn auf einen Stuhl und versichere mich, dass er da sitzen bleibt. Es ist jetzt sicher das Beste, wenn er die Nähe der anderen erfährt. Diesen werfe ich nur einen kurzen müden Blick zu, dann bewege ich mich zurück ins Bett. Nachher muss ich ihn wenigstens heute zum Essen bewegen, aber gerade brauche ich einfach nur meine Ruhe. Aber steht es mir überhaupt zu, mich jetzt um ihn zu kümmern? Oder will ich das überhaupt?

Mittwoch, 2. September 2015

- 5 -

Was für ein Mensch will ich sein?
Ich dachte, ich hätte es herausgefunden. Aber jetzt ist alles auf den Kopf gestellt und ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. All der Fortschritt, den ich zu machen glaubte, scheint verschwunden zu sein. Hatte ich nicht gedacht, langsam mit mir klarzukommen? Mit dem Wesen, das ich bin? Wieso fühle ich mich so unwohl, wenn ich an all das denke, was in mir drin steckt?
Es ist so dunkel. Böse. Schlecht.
Ich bin ein schlechter Mensch.
Es ist kaum zu bändigen, dieses Monster in mir, das keine Rücksicht oder Freundlichkeit kennt. Nur sich selbst im Blick hat. Ich dachte, ich käme damit klar. Man ist halt wie man ist. Menschen sind wie sie sind. Aber sie können sich auch ändern, oder? Das dachte ich.
Aber vielleicht ist das ja zu fest verankert. Vielleicht kann ich mich nicht ändern. Manchmal fühle ich mich gar nicht mehr menschlich, aber manchmal tut es auch so weh, dass ich weiß, dass ich es wohl doch sein muss.

Wieso kann ich nicht der liebenswerte Mensch sein, den manche in mir zu sehen scheinen?

Sonntag, 28. Juni 2015

#61

Ich lasse mich neben Paul auf den Boden fallen und grinse ihn breit an, um mich kurz darauf an ihn anzukuscheln. Er legt die Arme um mich und wir küssen uns.
"Ihh", macht Maike und hält sich die Augen zu, lacht dabei aber.
"Neidisch?", fragt Paul und schaut sie herausfordernd an.
"Nö, ich könnte das auch haben, wenn ich wollte!", erwidert sie ganz selbstsicher.
Ich schmunzle. "Na hoffentlich meinst du nicht mit mir oder Paul."
"Nein, ihr beide seid unzertrennlich."

Freitag, 5. Juni 2015

#60

Mit meinem Kuschelkissen, in Pauls mir viel zu großen Sweatshirtjacke und ohne meine Spange sitze ich zwischen Antonia und Paul, die sich gerade über meine "unglaubliche Süßheit" unterhalten. "Du siehst aus wie so eine süße Animefigur, Valle!"
"Du bist jetzt kawaii Anime-Valle."
Blinzelnd sehe ich die beiden abwechselnd an. "Ja, schau dich an, du hast einen Schlafanzug an, so eine große Jacke und ein Kissen in der Hand. Es fehlt nur noch der Toast, den du in der Hand hältst, während du zu spät bist. Du musst am Freitag zu spät kommen, mit einem Toast in der Hand, okay?!"
"...ich hab einen 20 Minuten Autoweg bis zur Schule."
"JAA vom Auto bis zum Hauptgebäude!"
"...wir halten direkt vor dem Haupteingang."
"Wenigstens zum Auto!"
"Unser Auto steht direkt vor der Haustür."
Antonia verdreht die Augen, während ich sie breit angrinse.