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Montag, 26. Juni 2017

#88

Mit guter Laune gehen Paul und ich zurück in den Saal, nachdem wir beide gerade unsere Wasserflasche im Foyer geleert haben. Wir sind auf einem Tanzball, von der mathematischen Fakultät seiner Uni organisiert. Unsere Anwesenheit haben wir wohl vor allem Max zu verdanken, der all seine Freunde hierhin verschleppt hat und mich damit bequatscht hat, da Paul sich zunächst ziemlich gewehrt hatte.
Wir gehen zu dem Tisch, an dem sich unsere Gruppe breit gemacht hat, und wollen uns gerade setzen, als plötzlich Freddy an unserer Seite auftaucht. Er begrüßt Paul noch einmal und ich lächle ihn freundlich an, als er sich an mich wendet. "Valerie, würdest du mir einen Tanz mit dir gewähren?", fragt er dann galant und lächelt, während er mir seinen Arm hinhält. Meine Augen weiten sich vor Überraschung und ich werfe einen kurzen Blick zu Paul, einfach weil ich so erstaunt bin über diese Situation und gar nicht weiß, was ich tun soll, auch wenn ich mich ziemlich geschmeichelt fühle. Schließlich passiert mir sowas nie, auch wenn es das natürlich nicht muss. Aber dann nicke ich, denn es spricht ja nichts dagegen, oder? "Klar, gerne. Aber ich bin nicht so gut", füge ich warnend hinzu und grinse schief, aber Freddy lacht nur und dann bewegen wir uns schon gemeinsam auf die Tanzfläche.
Es ist ziemlich seltsam, mit jemand anderem als Paul zu tanzen, auch weil ich das vorher noch nie getan habe. Ich kenne nur Pauls Führungsart und es gibt auch ein paar Schwierigkeiten, die Freddy und ich aber irgendwie meistern und auch wenn es anfangs komisch ist, haben wir beide viel Spaß zusammen.
Als wir zu Paul zurückkehren, nimmt er mich in seine Arme. "Na, eifersüchtig gewesen?", necke ich ihn und grinse und er verdreht die Augen, drückt mich aber fest an sich. "Ja, schon ein bisschen", meint er dann und grinst auch. "Das hier ist schließlich meins." Zur Verdeutlichung, was er meint, drückt er noch einmal fest und ich lache und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. "Mit Freddy zu tanzen war sowieso vor allem überfordernd, also keine Sorge", zwinkere ich und er küsst mich, während sich in meinem Herzen diese Wärme ausbreitet, die ich hoffentlich nie verlieren werde genauso wie ihn.

Montag, 8. Mai 2017

#87

Fredi, Lilith, Sabine, Julian und ich sitzen bei Maike am Esstisch, die überraschenderweise für ein Wochenende von ihrem FSJ in Irland heimgekommen ist. Gerade hat Julian quasi verraten, was Joel eigentlich noch nicht so herumposaunt haben will - dass dieser nämlich gerade mehr oder weniger ein Mädchen dated - und außerdem entrüstet er sich darüber, dass Joel es ihm nicht gleich erzählt hätte, sondern er es zufällig mitbekommen musste, um davon zu erfahren. "Also ich kann ihn verstehen", meine ich spöttisch. "Du wärst bei mir auch so die letzte Person, der ich so etwas berichten würde." Die Situation zwischen Julian und mir ist seit dem Vorfall damals einfach seltsam, aber wir haben irgendwie gelernt, damit umzugehen. Wir sind keine Freunde, teilen nur den gleichen Freundeskreis, für gewöhnlich meiden wir den direkten Kontakt und wenn dann ist er eher gegenseitig aufziehend. Es ist die einzige Art, um sich nicht gegenseitig zu Tode anzugiften und gleichzeitig nicht super lieb zueinander zu sein, mit der wir beide zurechtkommen.
"Früher war das anders", entgegnet er. "Aber gut, wir sind jetzt seit einem Jahr oder so nicht mehr befreundet." Ich schnaube verächtlich und merke, wie meine Stimmung doch ein wenig kippt. "Ein Jahr? Wie lange sind du und Lena zusammen?" "Keine Ahnung, zweieinhalb Jahre?" "Dann sind es auch zweieinhalb Jahre", erwidere ich kühl. Die Stimmung im Raum lädt sich kaum merklich, aber stetig auf und Julian sieht mich direkt an. Eine unangenehme Stille breitet sich aus und jeder Anwesende ist dieser passiv-aggressiven Auseinandersetzung ausgesetzt. Dann entscheiden wir uns beide dazu, es dabei zu belassen und Fredi versucht auch in diesem Moment, die Ruhe zu durchbrechen. "Äh, merke nur ich diesen unausgesprochenen, in der Luft liegenden Streit?", meint er in einem scherzhaften Ton und ein nervöses Lachen bricht in der Runde aus, aber dann legt sich die Stimmung auch wieder. Julian macht noch ein paar Bemerkungen, die die ganze Sache, die damals passiert ist, runterspielen soll und meine sind wohl noch etwas bissig, aber letztendlich schweigen wir uns wieder darüber aus. Dass es ihn doch so kalt lässt und er sogar behauptet, sich nicht mal richtig daran erinnern zu können, was genau passiert sei, erschreckt mich doch etwas - auch wenn ich es nicht ganz glaube -, schließlich nehme ich es ihm wohl mehr übel als er mir. Aber was soll's? Ich bin einfach froh, ihn mittlerweile weitestgehend los zu sein.

Sonntag, 7. Mai 2017

#86

Ich bin auf dem Weg zum Zug, der in der Nähe der Uni hält, um in Pauls Zug dazu zu steigen. Wir sind heute verabredet und wollen uns einen schönen Tag machen, aber erstmal will er sein Unizeug bei sich zuhause abliefern, also komme ich da noch schnell mit. Um zum Gleis zu kommen, muss ich eine Treppe hochlaufen; unten kann man in die Straßenbahn einsteigen. Als ich bei der Haltestelle ankomme, sehe ich einige Meter vor mir Lukas stehen, der offensichtlich die nächste Bahn nehmen will. Zögernd bleibe ich stehen. Die letzten zwei Tage haben wir uns zum ersten mal gesprochen - okay, na gut, ich bin jeweils über meinen Schatten gesprungen und hab ihn begrüßt, was er erwidert hat. Und das war's. Es kam mir einfach so komisch vor, wie wir uns konsequent ignoriert haben, obwohl wir eine gemeinsame Vorlesung besuchen und mehrmals aneinander vorbei gelaufen sind. Überschreite ich eine Grenze, wenn ich jetzt kurz zum quatschen komme? Ich würde ja nicht mal in die Bahn miteinsteigen. Aber vielleicht will er gar nicht reden?
Einen Moment lang bleibe ich noch stehen, dann gebe ich mir einen Ruck und gehe auf ihn zu. Er bemerkt mich kurz daraufhin und wir lächeln uns vorsichtig an. "Hey." "Hey, was machst du hier? Wohin geht's?", frage ich. Er erklärt mir, dass er zur Bank muss und dann fragt er mich, ob ich erst jetzt frei hätte. "Quatsch", erwidere ich und verdrehe die Augen. "Ich bin Mathestudentin. Ich hab seit 11 frei, saß nur bis jetzt hier und hab an LA gearbeitet." "Was? Krass", antwortet er erstaunt und dezent neidisch, also nehme ich an, dass er sich wünscht, er hätte selbst immer so früh frei. Ich spreche ihn auf das Genetikpraktikum an, das er jetzt eigentlich haben sollte - mit den anderen Biochemikern habe ich mich ja unterhalten - und kurz danach kommt schon seine Bahn und er ist noch im Redefluss, den ich dann unterbrechen muss. "Ich muss jetzt da hoch, wir sehen uns", erkläre ich dann und deute auf die Treppe, lächle ihn noch kurz an. "Achso, okay, ja bis dann", verabschiedet er sich dann auch und ich drehe mich um, immer noch ein Lächeln auf den Lippen.

Donnerstag, 27. April 2017

#85

Langsam schlendere ich die Treppen der Stadtbibliothek herab. Es wird nun doch Zeit, mich auf den Weg nach Hause zu machen. Oder vielleicht doch ein kurzer Abstecher zum Mayersche? Während ich noch darüber nachdenke und weitergehe, wechselt das Lied und Teenage Dream von Katy Perry schallt durch meine Ohren. Für einen Moment muss ich stehen bleiben, weil mich die Erinnerungen, die ich mit diesem Lied verbinde, überwältigen. Es ist unglaublich, dass ich nach so vielen Jahren immer noch so eine starke Verknüpfung damit habe. Jedes Mal, wenn dieses Lied kommt, muss ich es überspringen, weil es mir so unangenehm ist, an damals zurückzudenken, dabei ist gar nicht so viel passiert. Und irgendwie halt doch und irgendwie war das das Problem.


Ich kann meinen Augen kaum trauen, als ich bemerke, dass er mit seinem Freund stehen bleibt und sie sogar kurz in meine Richtung schauen. Mein Herz schlägt schneller und ich bemühe mich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren. Tatsächlich laufen sie los, als ich bei ihnen angekommen bin und er spricht mich an. Das Blut rauscht in meinen Ohren und ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Er spielt über sein Handy Musik ab und jetzt gerade fängt Teenage Dream von Katy Perry an. Seine Augen wandern zu mir, schauen mir direkt ins Gesicht und er legt seinen Kopf leicht schief, während er mich mit einem lockeren Grinsen ansieht. "Und was ist dein Teenage Dream?", fragt er mich. "Ähm, keine Ahnung", murmle ich völlig überfordert, vor allem weil ich fast "Na du" geantwortet hätte, was einfach nur endspeinlich geworden wäre, schließlich kennen wir uns kaum. 


Ich schüttle den Kopf. Es ist eine so lächerliche Erinnerung und trotzdem ist sie so fest in meinem Gehirn verankert, obwohl das jetzt gut acht oder sieben Jahre her sein muss. Nur weil ich so in ihn verschossen war? Nur weil er mir so wehgetan hat? Nur weil er so ein verdammter Idiot war? Solche Song-Verknüpfungen habe ich wirklich nicht oft, musste ausgerechnet dieser Trottel es schaffen?

Mittwoch, 22. März 2017

#83

"Irgendwie bin ich jetzt doch traurig", meine ich plötzlich, während ich auf Pauls Bett sitze. "Warum? Wegen Lukas?", fragt er und ich nicke. "Ich war den ganzen Tag sauer auf ihn, aber jetzt bin ich traurig und deswegen sauer auf mich. Ich sollte nicht traurig sein. Wir kennen uns keine drei Wochen, das sollte mir gar nicht so nah gehen." Finster starre ich vor mich hin, während Paul den Kopf schüttelt. "Das ist doch voll in Ordnung. Du bist einfach sehr empathisch und das zeigt nur, wie schnell du Menschen ins Herz schließt. Es ist doch schön, dass du ihn so schnell so gern hattest. Er hat es nur nicht verdient, dass du ihn so nett findest." Und ich würde ihm gerne zustimmen und sagen, dass das wirklich gut sei, aber ich wünschte mir wirklich, dass es anders wäre. Ich wünschte, mich hätte diese Sache am Freitag nicht so gestört. Ich wünschte, es hätte meinem Wochenende nicht diesen traurigen Beigeschmack verliehen. Ich wünschte, es hätte mich Montag nicht so verwirrt, wie er mit mir umgegangen ist. Ich wünschte, es hätte mich gestern nicht so verletzt, wie wortkarg und abweisend er plötzlich zu mir war. Ich wünschte, die Frage, ob er überhaupt mit mir befreundet sein will, hätte mich nicht so beschäftigt, dass ich ihn heute nach einem Gespräch gefragt hatte. Auf das er nicht eingegangen ist, weil er keine Zeit hatte. Und irgendwann hat er auch einfach nicht mehr geantwortet. Und dann haben wir uns im Labor gegenseitig ignoriert. Jetzt ist das Praktikum vorbei und wir werden uns vermutlich nie wiedersehen, worüber ich nicht mal richtig froh sein kann. Stattdessen sitze ich hier und bin traurig, weil ich mich so auf diese Freundschaft gefreut hatte und alles nur ein riesiger Reinfall war.

Montag, 20. März 2017

#82

Als die Assistenten uns das Startzeichen geben, stelle ich mich seufzend an das Waschbecken und wasche erstmal unsere Ausrüstung, die wir gleich brauchen. Nach einigen Minuten, ich habe gerade das dritte Becherglas gesäubert, steht auf einmal Lukas neben mir und gesellt sich beim Waschen dazu. Ich spüre eine leichte Nervosität in mir aufsteigen. Wir haben uns heute noch nicht gesehen, weil es kein Seminar gibt. Allerdings war es heute Mittag vor der Mensa ziemlich seltsam...denn ich könnte schwören, dass er einfach umgedreht ist, als er mich gesehen hat. Er war nämlich eindeutig auf dem Weg zur Mensa und ist dann, auf der obersten Treppenstufe und als wir uns kurz angesehen haben, einfach umgedreht und war später nicht bei den anderen Biochemikern zu sehen.
"Na?", spricht er mich an und ich bin verwirrt, antworte aber zögernd "Na" zurück. "Und wie war dein Wochenende so?" Ich blinzle rüber. Will er mich provozieren? Ärgern? Oder ist das ein schlechtes Gewissen? Ich kenne ihn gerade mal zwei Wochen und kann es überhaupt nicht einschätzen. "Ganz in Ordnung, schätze ich", antworte ich dann langsam und um einen neutralen Ton bemüht. Eine kurze Pause entsteht. "Und deins?", frage ich dann schließlich und sehe ihn dann an. Wir schauen uns in die Augen und er erzählt mir von seinem Wochenende und führen ein ganz normales Gespräch, als sei nichts gewesen, bis er sich schließlich zu seinem Platz aufmacht. Mich lässt er etwas verunsichert zurück, aber er würde mich wohl kaum ansprechen, wenn er mich nicht irgendwie mögen würde, oder? Zumal bei ihm drüben auch ein Wasserhahn steht. Ein kleiner Seufzer entweicht mir und ich schüttle den Kopf, um mich danach dem nächsten Versuch zu widmen.

Mittwoch, 15. März 2017

#79

Ein Seufzer entgleitet mir, während ich mein Laborjournal anstarre. Ich stehe mit einigen Kommilitonen in einem Chemielabor der Uni, die ebenfalls mit mir durch dieses Praktikum müssen. Wieso habe ich nochmal Chemie als Nebenfach gewählt? Es ist furchtbar, sechs lange Stunden hier stehen zu müssen und Versuche durchzuführen, deren Ausgang wir bereits durch das zweistündige Seminar jeden Morgen haargenau kennen. Immerhin gibt es einen positiven Aspekt, denn durch das Praktikum bin ich wieder in Kontakt mit neuen Menschen gekommen, die mir unglaublich sympathisch sind und mit denen ich mich anfreunden konnte.
Ich drehe mich um und sage Melissa Bescheid, dass ich gleich wiederkomme. Wir müssen gerade sowieso warten, weil unser Abzug besetzt wird, also können wir ohnehin nicht experimentieren. Stattdessen mache ich mich auf den Weg zum anderen Ende des Labors und stelle mich zwischen Lukas und Levin, die gerade selbst in ihr Journal schreiben.
Wir unterhalten uns eine Weile, während ihre Stifte über das Papier gleiten, bis Lukas selbst ein tiefer Seufzer entweicht und er den Kulli beiseite legt. "Heute ist ein schlimmer Tag", stellt er fest und ich kann ihm nur zustimmen. "Jap. Wir könnten eine Pause jetzt echt gut gebrauchen", erwidere ich. Er lehnt sich vor, stellt seinen Ellbogen auf den Tisch und stützt seinen Kopf mit der Hand ab, während er mich ansieht und nickt. "So wie gestern die Zwangspause, die war gut." Wir grinsen uns breit an. "Hey, wie wär's? Du stellst ein bisschen Schwefelwasserstoff her und sorgst für 'ne kleine Laborräumung, dann haben wir unsere Pause", schlage ich im Scherz vor und muss kichern, während Lukas zu lachen anfängt. "Gute Idee! Bin dabei."
Nur ein wenig später schreibt er bereits weiter, hält das aber auch nicht lang durch. "Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren", meint er frustriert und ich sehe ihn mitleidig an. "Versteh ich. Die Atmosphäre in diesem Raum ist auch furchtbar, es will einfach keiner hier sein." "Ja, genau. Ich will einfach nach Hause. Dieses Praktikum ist so schlimm", entgegnet er in einem jammernden Ton und stößt sich vom Tisch ab. Ein mattes Lächeln legt sich auf meine Lippen. "Brauchst du eine Umarmung?" "Ja", ist seine einzige Antwort und ich lache, komme dann auf ihn zu und wir legen unsere Arme umeinander. "Danke." Er lächelt mich, nun etwas besser gelaunt, an und ich lächle zurück.