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Montag, 7. April 2014

#29

Breit grinsend betrete ich den Flur, in dem meine Freunde die Treppe besetzen. "Valle! Lilith hat eine 2 in der Klausur!", begrüßt Paul mich auch sofort und streckt seine Hand nach mir aus. Irritiert sehe ich von ihm zu Lilith. "Warte, was? Du hast doch gerade eben erst in der 3./4. geschrieben?!", frage ich verwirrt, sowohl von Pauls Handbewegungen in meine Richtung als auch von der Tatsache, dass Lilith ihre Klausurnote nach zwei Schulstunden weiß. "Jaa, der hat sie anscheinend schon korrigiert", meint sie.
"Und was hast du?", frage ich Paul und schaue ihn neugierig an, "Und was zur Hölle soll das eigentlich mit deiner Hand da?" Er grinst nur. "Ich weiß meine noch nicht, aber wenn Lilith eine 2 hat, wird meine schon nicht so schlecht ausgefallen sein."
"Okay", erwidere ich und lächle ihn an. "Will jetzt einer von euch nicht mal aufstehen, mich umarmen und mir tschüss sagen?" Abwartend schaue ich in die Runde, Tim antwortet nur frech: "Ähm, nein?!" Auch der Rest macht keine Anstalten, sich zu bewegen. Ich verdrehe die Augen und verabschiede mich deswegen beleidigt, da ich jetzt frei habe: "Tz dann nicht. Bis morgen!" Ein schadenfrohes Lachen kann ich nicht unterdrücken, bis ich mich dann umdrehe und aus der Tür trete. "Warte! Hast du jetzt frei?!", fragt Paul und ich antworte über die Schulter: "Jap." Ich höre, wie jemand aufsteht und aus irgendeinem Grund erwarte ich halb, dass es Julian ist. Dann zieht Paul mich schon zurück in seine Arme und umarmt mich fest. Ich lege meine Arme um ihn und mein Blick gleitet kurz zu den anderen. Es ist nicht mal eine Sekunde, aber ich habe irgendwie den Eindruck, als ob sie uns grinsend zuschauen würden, aber ich verwerfe den Gedanken wieder. Bestimmt nur wieder Hirngespinst. Außerdem ist es mir gerade viel wichtiger, Pauls Duft einzuatmen und mich zusammenzureißen, damit ich mich nicht an ihm festklammere, weil ich am liebsten für immer in dieser Position verharren würde. "Tschüss und einen schönen Montag noch", meint er und wir lächeln uns an. "Danke, dir auch", antworte ich und lasse ihn dann schweren Herzens los, um nach Hause zu gehen.


Freitag, 4. April 2014

#28

"Kann ich mal mit dir reden? Allein?", frage ich Julian und schaue ihn ausdruckslos an. Er streckt wortlos seine Arme aus, damit ich ihm aufhelfe und wir gehen weg von unseren Freunden raus aus dem Flur nach draußen. "Müssen wir wirklich rausgehen?", fragt er in einem jammernden Ton. "Ja", antworte ich und drehe mich, als wir draußen sind, zu ihm um. "Was sollte das gestern?"
Er schaut mich mit einem leeren Blick an, tut ahnungslos. "Was meinst du?"
"Du weißt genau was ich meine. Was sind deine Gründe, dich 'von mir zu entfernen'?"
Er wendet den Blick ab, ich verschränke meine Arme und presse meine Lippen aufeinander. "Ich will mich nicht erklären."
"Du denkst also, das geht? Du entfernst dich von mir aus mir unbekannten Gründen und denkst, du kannst das einfach so tun?"
"Es ist dir doch sowieso egal."
"Wenn es mir egal wäre, würde ich dann jetzt hier stehen?"
"Du stehst hier, weil ich dich darauf aufmerksam gemacht habe!"
"Ja und weil ich das hier und jetzt erklärt haben will, anstatt es einfach beiseite zu schieben."
"Was soll ich schon sagen?!"
Mit festem Blick schaue ich ihn an, seine Augen blitzen mich wütend an. "Warum?"
"Wie, warum?"
"Du hast gesagt aus verschiedenen Gründen entfernst du dich von mir. Mit 'Warum' frage ich nach diesen."
"Ich hab aber keine Lust es zu erklären!"
Ich schweige. Er auch.
"Das ist es also? Du willst es wirklich so stehen lassen? Dich von mir entfernen und mir nicht einmal sagen warum?"
"Ja."
Wir starren uns beide an. Wahrscheinlich wütend, vielleicht auch vorwurfsvoll, wahrscheinlich ein harter Gesichtsausdruck, vielleicht enttäuscht. Ich bleibe stehen, lasse die Zeit verstreichen und hoffe, dass er seine Meinung ändert. Aber nichts kommt. Also drehe ich mich wortlos um und stürme zurück zu den anderen. Ich hätte nicht gedacht, dass das je passieren würde.


Mittwoch, 2. April 2014

#27

Julian schnipst mir gegen die Wange. "Au!", rufe ich. Er grinst und macht Anstalten, es zu wiederholen, also laufe ich schnell um Danny herum zu Paul, um mich an ihn zu drücken und ihn gleichzeitig dabei vor mich zu schieben. "Aww, hat er dir wehgetan?", fragt er fürsorglich und ich nicke. Er legt die Arme um mich und drückt mich fest. "Keine Angst, ich bin ja da", säuselt er und grinst dann, "Sollen wir ihn wieder schlagen?" Ich lache und meine: "Ich glaub, du kannst das allein besser."

Als wir in die Bahn steigen, stehen Paul und ich eng aneinander gedrückt mitten im Gang. Es gab mal wieder einen Verkehrsunfall, weswegen die Bahnen alle zu spät kamen und jetzt natürlich schrecklich voll sind. Julian steht irgendwo bei der Tür. Ich schlinge meine Arme um Paul, um nicht in der Bahn umzufallen, da er sich immerhin oben festhalten kann. Er ärgert mich fast die ganze Bahnfahrt über und irgendwann meine ich dann eingeschnappt: "Ich mag dich nicht mehr, du bist doof." Beleidigt wende ich dann meinen Blick von seinem Gesicht ab. Da es jedoch ziemlich warm ist, merke ich langsam die Müdigkeit in mir aufsteigen und lege meinen Kopf auf seine Brust. Ich kann seinen Herzschlag spüren und muss mir unwillkürlich vorstellen, wie es wohl wäre, wenn wir beide einfach in einem Bett liegen würden und ich auf seiner Brust einschlafen könnte. Mit seinem Herzschlag in meinem Ohr, seiner Stimme als letzten Ton, den ich kurz vorm Einschlafen vernehme und seiner Hand, die durch meine Haare streicht und seinem Arm, der mich festhält. Ich unterdrücke einen verträumten Seufzer.
"So schlimm?", fragt Paul dann und legt einen Arm um mich. "Tut mir Leid, Valle, ich wollt dich nicht so sehr mobben." Er drückt mich fest an sich und ich muss unwillkürlich lächeln und umarme ihn auch. Es ist wirklich nicht in Worte zu fassen, wie viel ich für diesen wundervollen Jungen empfinde.


Donnerstag, 27. März 2014

#26

Ich schlendere alleine über unseren Schulhof. Es sind 12 Grad draußen, aber keiner meiner Freunde hatte Lust rauszugehen. Es sei ja viel zu kalt dafür. Kopfschüttelnd habe ich mich also alleine auf den Weg gemacht, weil ich es mag, wenn es angenehm kühl draußen ist und die Sonne scheint. Auch wenn es ein bisschen einsam ist. Ehrlich gesagt, das ist ein ziemlich untypisches Verhalten für mich. Freiwillig rausgehen zu wollen. Jedenfalls bisher. Aber irgendwie zieht es mich nach draußen. In letzter Zeit entwickle ich so viele alte Gewohnheiten von früher zurück, ich glaube, ich denke zu viel an früher. In meiner alten Schule war ich jede Pause draußen, egal welches Wetter war. Ich bin immer mit Esther ein paar Runden gelaufen. Raus, über den Schulhof den Berg runter, zum Haupteingang rein, Treppen hoch, wieder raus und nochmal alles von vorne. Dabei haben wir uns über alles Mögliche unterhalten. Über den Unterricht, über Hausaufgaben, über andere Leute. Wir haben uns Geschichten erzählt und manchmal, ja manchmal haben wir sogar über wirklich persönliche Sachen geredet. Und ich bin dabei so vielen Menschen aus jeder Stufe begegnet, die ich kannte, mit denen ich zum Teil sogar befreundet war.
Jetzt ist es anders. Es geht keiner mit mir raus und die Runde ist nicht so angenehm wie die meiner alten Schule. Der Schulhof ist großflächig und flach. Und ich kenne nicht mal meine eigene Stufe komplett, geschweige denn jemand aus anderen Klassen. Es hat sich so viel verändert.
Ich schaue um mich herum. Die meisten Schüler, die draußen sind, sind noch nicht in der Oberstufe. Auf dieser Schule dürfen Schüler der Unter- und Mittelstufe nicht in der Eingangshalle bleiben, sondern müssen auf den Pausenhof, sofern es nicht regnet. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum man dann in der Oberstufe nur noch drinnen bleiben will. Und so war das ja auch bis vor ein paar Wochen bei mir. Ich wollte nicht freiwillig rausgehen und jetzt gehe ich seit ein paar Tagen immer ein paar Runden alleine über den Schulhof. Es ist nicht das Gleiche. Und es bringt mich unwillkürlich dazu, noch mehr über früher nachzudenken. Früher war ich irgendwie offener, kontaktfreudiger. Ich kannte wirklich immer aus jeder Klassenstufe mindestens zwei, drei Personen, mit denen ich irgendwie näheren Kontakt hatte. Und meine Stufe kannte ich sowieso in- und auswendig. Esther und Natalie haben mich immer gefragt, ob ich eigentlich mit der ganzen Schule befreundet sei.
Ich unterdrücke einen Seufzer, als ich das Schulgebäude betrete und zurück zu den anderen gehe. Ich wünschte, ich könnte einen einzigen gewöhnlichen Alltag von früher wieder erleben. Ich vermisse es so.


Montag, 17. März 2014

Hatte nie Heimweh, aber meine Vorstellung davon ist das hier.

"Früher in meiner alten Stadt konnte ich bei so nem behinderten Streik einfach zu Fuß zur Schule laufen."
"Hey, ich bin früher fast jede Woche mit einer Freundin Fahrrad gefahren, jaa?!"
 
In letzter Zeit vermisse ich meine alte Stadt schrecklich, meine Freunde dort noch mehr. Die Zeit mit ihnen am meisten. Auch als es schon heute Morgen um den Bahn- und Busstreik morgen ging, konnte ich nicht aufhören an früher zu denken. Wenn die Busse gestreikt haben, konnte ich zu Fuß zur Schule laufen. 20 Minuten Fußweg - oder alternativ 10 Minuten Radweg, aber ich habe mich immer lieber auf meine eigenen Füße verlassen. Hier geht das nicht. Und dann habe ich mich selbst an Isabel erinnert, mit der ich mich fast ausnahmslos jede Woche getroffen habe und wir sind wirklich fast jede Woche Fahrrad gefahren, vor allem bei gutem Wetter. Wir sind in den Wald gefahren oder zum Spielplatz, zum Stadion. Oder zu unserem Lieblingsplatz. Ein kleiner Park mit einem Brunnen, an dessen Rand wir uns immer gesetzt haben. Unser zweiter Lieblingsplatz war eine Allee in der Innenstadt, der Fluss floß unten und wir haben uns immer ans Ufer gesetzt.
Oft waren wir auch einfach bei ihr und sind auf den Dachboden gegangen, um dort einfach nur zu quatschen. Oder wir saßen bei ihr in der Küche, um Ligretto zu spielen. Manchmal haben wir auch gebacken. Isabel ist die einzige Freundin, zu der ich jetzt noch guten Kontakt habe. Sie ist die Einzige, mit der ich mich regelmäßig getroffen habe und sie ist die Einzige, die es je ernsthaft in Erwägung gezogen hat, mich hier zu besuchen, und es auch getan hat. Sie ist auch die Einzige, die immer wieder möchte, dass ich sie besuche. Die Nachmittage mit ihr fehlen mir. Ich glaube, wir waren immer so gut befreundet, weil wir nicht auf die gleiche Schule gingen. Wir kennen uns von der Grundschule und sind durch die Ministrantenausbildung gut befreundet gewesen und so hat es sich entwickelt, dass wir uns jede Woche trafen. Ich vermisse sie unheimlich.
Genauso wie ich meine Schulfreunde vermisse, weil die Pausen und der Unterricht mit ihnen so anders ist als mit meinen Freunden hier. Wir waren draußen, wir haben uns gejagt, wir haben Quatsch angestellt - es ist nicht so, dass ich meine Freunde hier nicht mag, ich habe sie unendlich gern, aber es ist einfach auf eine andere Art mit ihnen schön und ich vermisse es, wie es mal war. Ich vermisse die Menschen, die ich früher fünfmal die Woche um mich herum hatte. Ich vermisse meinen alten Schulweg, unsere Wohnung, meine Schule - alles.
Und immer, wenn ich an meine alte Stadt denke, überkommt mich dieses Gefühl, als ob ich mich hierhin nicht mehr zugehörig fühle. Ich möchte nur noch weg, zurück. Mein Herz sehnt sich nach dem allem, es fühlt sich in diesen Momenten nur dort zuhause. Wenn ich nicht daran denke, dann ist es hier wundervoll, aber wenn ich zurückdenke, dann möchte ich weg. Ich hatte noch nie in meinem Leben Heimweh, aber ich stelle es mir ungefähr so vor. Du fühlst dich nicht gut dort, wo du gerade bist, und alles, was du willst, ist zurück, nach Hause.

Mittwoch, 5. März 2014

#25

Soll ich dir was sagen? schreibt Paul mir in Skype.
du bist fertig? antworte ich.
NOCH WENIGER ALS EIN TAG BIS ZU DEINEM KONZERT schreibt er dann auch schon.
Ein breites Lächeln erscheint auf meinem Gesicht. Zum einen wegen der Vorfreude, zum anderen weil er so süß ist. Plötzlich blitzt ein Gedanke in meinem Kopf auf und festigt sich immer mehr. Soll ich dir was sagen? Ich bin in dich verliebt.
Ich schüttle den Kopf. Hirngespinst. Aber das Bedürfnis, es ihm zu sagen, ist gerade wirklich groß. Schnell antworte ich mit einem ICH WEIIIIIISS, damit ich nicht etwas Dummes tue. Seufzend wende ich mich wieder meiner Geschichtshausaufgabe zu. Ich wünschte, es wäre ganz einfach es ihm zu sagen.

Donnerstag, 27. Februar 2014

#24

"Es ist Jahre her, dass ich morgens so lange an meinen Haaren sitzen musste", meine ich und runzle die Stirn. Heute ist Fasching - oder Karneval, wie mich hier jeder verbessert - und dank meiner Schule muss ich zum Glück nicht zu einer Feier, weil ich in der 10 bin, sondern nur zwei Stunden in einem Kino sitzen und bin dann frei. Annika hat mich dazu überredet, mir für diesen Tag zwei Zöpfe zu machen. Es ist eigenartig so herumzulaufen, das letzte Mal hatte ich in der 6. oder 7. Klasse eine Phase, in der ich mir meine Haare öfters so frisiert habe. "Bitte, lauf nie so in der Schule rum", meint Julian nur. Ich antworte nicht. Wenn ich ehrlich bin, mag ich die zwei Zöpfe eigentlich. Okay, es ist irgendwie auf den ersten Blick so bescheuert, weil ich damit niedlich aussehe, aber vor allem auf Dauer gewöhnt man sich gut dran und eigentlich finde ich, dass ich ganz gut damit aussehe.
Paul, Julian, Verena und ich steigen aus. "Wie kam es eigentlich dazu, dass du jetzt zwei Zöpfe hast?", fragt Paul und schaut mich neugierig an. "Eh also Annika hat mich dazu überredet und Antonia und Verena haben da auch ein bisschen ihre Hände im Spiel", grinse ich. "Ich find das gut", lächelt er und klingt dabei völlig ehrlich. Mein Herz macht einen Sprung und ich strahle ihn an. "Danke!", antworte ich glücklich und unterdrücke das Bedürfnis, fröhlich durch die Gegend zu hüpfen.