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Donnerstag, 16. Juni 2016

#68

"Naja, wir haben jetzt beschlossen, beste Freunde zu sein. Beste Freunde verbringen gerne mehr Zeit miteinander als mit normalen Freunden, aber man ist eben nur befreundet", erklärt Maike mir ihre komplizierte Situation mit Julian, während wir telefonieren. Ich runzle die Stirn, dunkle Erinnerungen treten in mein Bewusstsein und ich nehme ihr das Versprechen ab, auf sich aufzupassen.
"Er hat mir sogar das hier geschrieben: 'Wir waren schon immer beste Freunde, oder?'" Mein Herz setzt einen Moment aus und ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, obwohl ich auf ihm liege und mein Bett eigentlich recht warm ist. "Wie...meint er das?", frage ich, bemüht um eine normale Stimme.
"Seit wir befreundet sind, schätze ich", erklärt sie mir. Und das wäre schon seit vielen Jahren.

Als später das Gespräch beendet ist, starre ich an die Wand und ich fühle eine kalte Wut in mir, die meinen ganzen Körper füllt. Maike und er sollen also schon immer beste Freunde gewesen sein? Und was ist bitte mit ihm und mir? Er hat mir eineinhalb Jahre lang wirklich etwas als Freund bedeutet. Aber anscheinend waren diese eineinhalb Jahre Freundschaft doch nichts für ihn. Kein Wunder, dass sie geendet hat. Dann kann ich ja jetzt noch froher sein, ihn losgeworden zu sein.

Mittwoch, 11. Mai 2016

#67.1

"Hallo?"
"Ja, hallo, hier ist Valerie. Kann ich mit Kevin sprechen?" Es ist seltsam, ihn mit diesem Namen zu nennen, aber so ist nun mal sein erster Vorname und es würde wohl nur zu unnnötigen Komplikationen führen, wenn ich mit meinem Spitznamen für ihn nach ihm frage.
"Ja, Moment."
Ich warte also für einen Augenblick und vernehme dann sein verwirrtes "Halloo?".
"Hey, Maxi", begrüße ich ihn dann lächelnd und bei seinen nächsten Worten kann ich mir sein Gesicht nur zu gut vorstellen. "Ach, Teddy, du bist's. Nicht Melanie." Seine Mutter muss mich wohl falsch verstanden haben und ich lache. Ich mag die Vertrautheit zwischen uns, die allein durch die Spitznamen für den anderen besteht. Man muss nicht einmal die Stimme des Anderen erkennen - keiner auf dieser Welt nennt ihn Maxi außer mir und niemand nennt mich Teddy außer ihm. Wir waren nie die engsten Freunde, die sich jeden Tag treffen und alles erzählen...aber wir waren gute Freunde, die immer aufeinander zählen konnten und obwohl wir uns kaum noch sprechen, ist diese Freundschaft immer zwischen uns geblieben.

Dienstag, 10. Mai 2016

#67

Mit klopfendem Herzen starre ich das Telefon an. Es hämmert gegen meine Brust und ich weiß nicht, ob ich das wirklich tun soll. Es ist nicht der erste Anruf, den ich heute tätige - Natalie, Lisa, Desiree, Theo, Maxi...es ist eine Ewigkeit her, dass ich diese Nummern eingetippt habe. Manche habe ich sogar noch nie eingegeben. Ist es nicht seltsam, dass es mir gar nicht fremd vorkam? Es war so schön, ihre Stimmen wieder zu hören. Komisch war es nur, von ihren Leben zu hören und zu wissen, dass  ich es nicht miterlebt habe. Schließlich war es lang genug so, dass ich dazu beigetragen habe, oder? Aber jetzt ist es nicht mehr so. Seit fast vier Jahren hat sich dieser Zustand geändert und trotzdem war es seltsam, mir anzuhören was sie erlebt haben. Natürlich haben wir nicht lang geredet - schließlich sehe ich sie alle diesen Samstag wieder. Fast muss ich lachen, weil ich gar nicht daran geglaubt habe, dass sie mich sehen wollen. Sind wir nicht mittlerweile Fremde? Alte Freunde leben sich schließlich auseinander, oder? Aber sie schienen mich genauso gern sehen zu wollen wie ich sie. Bis Samstag, habe ich jedes Mal am Ende gesagt. Es ist solange her, dass ich solch eine Floskel ihnen gegenüber benutzen konnte. Ist das überhaupt real?
Aber der nächste Anruf hat eine ganz andere Schwierigkeit. Will ich Esther wirklich sehen? Kleinlaut habe ich Natalie am Telefon gefragt, ob sie meint, dass Esther wohl gut auf mich anzusprechen wäre. Natürlich bin ich diejenige, die sauer gewesen ist, weil ich von ihr links liegen gelassen wurde...aber genauso war ich diejenige, die einfach den Kontakt abgebrochen hat. Wir sind beide schuld, dass unser Neuanfang nicht geklappt hat - obwohl ich in meinem egozentrischen Denken eindeutig ihr die größere gebe.

Trotzdem sitze ich hier auf meinem Bett und spiele die Möglichkeiten durch. Ich bin einfach unverbesserlich. Wieso hänge ich immer so an der Vergangenheit? Das letzte Mal als ich beschlossen hatte, trotz Zweifel eine Chance zu vergeben, bin ich versetzt worden, weil sie einen Freund hatte. Der mein bester Freund war. Jetzt habe ich weder eine beste Freundin noch einen besten Freund - obwohl ich über die Tatsache an sich nicht so traurig bin. Ich brauche das nicht.
Aber es ist ja nur ein Treffen, oder? Und ich würde sie genauso gern wiedersehen wie die anderen. Ich tippe ihre Nummer ein und warte, während es in meiner Brust unermüdlich klopft und klopft und klopft.
"Hallo?" Es ist ihre Mutter. Ich nenne meinen Namen und frage nach ihr, aber sie ist unter der Dusche, also muss ich danach ihren Rückruf abwarten. Schließlich klingelt es und ich nehme mit meinem Namen ab. "Hey!" Ihre Stimme klingt aufgeregt und total glücklich, worüber ich ein wenig verwundert bin. Aber wir reden kurz und es ist alles normal, wie bei den anderen. Vielleicht sogar ein wenig vertrauter. Schließlich frage ich sie genauso, ob sie am Samstag kommen möchte und sie sagt zu.

Und ich kann noch immer nicht fassen, dass ich nach vier Jahren an den Ort zurückkehren werde, der für mich am ehesten das ist, was mein Heimat nennt.

Sonntag, 20. März 2016

#66

Ich stehe im Foyer unseres Schulgebäudes, die Hälfte meiner Stufe steht vor der Schule, ich kann sie von hier aus durch die Glastüren sehen. Durch die Glastüren, durch die wir alle die letzten Jahre regelmäßig durchgelaufen sind. Die andere Hälfte steht verteilt auf dem Schulhof zu meiner linken und um mich herum. Auf den Schulhof wurden wir bis zur 10. Klasse immer hinaus gescheucht, aber es hat uns nicht daran gehindert, uns auf die Treppe im Flur neben der Eingangstür zu setzen.
Die Treppe zu der wir uns jetzt bewegen - ein allerletztes Mal. Ein allerletztes Mal setzen wir uns hin, als Gruppe, auf unseren Stammplatz, den wir seit Jahren belegen. Sabine macht ein Foto von uns, sie kommt gleich mit zu unserer Feier, weil sie irgendwie mittlerweile dazu gehört, obwohl sie anfangs nur Maikes Nachbarin war. "Wenn wir in 20 Jahren das anschauen, werden wir bei dem Bild lächeln und sagen 'Das. Das war die Treppengang.' und unsere Kinder werden die Augen verdrehen und es uncool finden...aber das hier ist unsere coole Clique", meint Annika dann und grinst und entlockt mir damit auch eins, obwohl ich mich seltsam fühle. Wie auf der Schwelle zwischen Trauer und Glückseligkeit. Zwischen Nostalgie und Vorfreude.

Die anderen verlassen das Gebäude, aber ich muss mich noch einmal umdrehen und betrachte die Eingangshalle. Plötzlich schießen Erinnerungen aus meiner alten Schule in mir hoch und es ist, als würde ich beides nebeneinander sehen. Nur mit viel Mühe kann ich die Tränen zurückhalten, die auf einmal aus meinen Augen treten wollen und ich versuche, die Erinnerungen wieder beiseite zu schieben. Ich habe die Hälfte meiner gymnasialen Schulzeit in einer völlig anderen Schule verbracht, aber die letzten vier Jahre haben mich deswegen nicht weniger geprägt. Und irgendwie glaube ich, dass mich die Jahre hier an dieser Schule glücklicher gemacht haben als meine Zeit damals an meiner alten Schule.
Ich folge den anderen durch die Menge, die meine Mitschüler vor der Schule gebildet haben, aber ich kann nicht aufhören nach hinten zu sehen und das Gebäude anzuschauen, das ich die letzten vier Jahre regelmäßig betreten habe. Ich hebe meine Hand und winke den Leuten, rufe ein lautes "Tschüss!" und ein leichtes Lächeln umspielt meine Lippen, während ich mich rückwärts gehend von der Schule entferne. Von meinen Mitschülern. Von den Leuten, die ich die letzten vier Jahre ständig um mich hatte. "Ich dachte immer...ich dachte immer, ich wäre froh, wenn dieser Tag kommt und ich diese Stufe endlich los bin", sage ich dann laut. Ob man mir die Tränen anhört, die ich gerade zurückhalte? Mir ist, als klänge meine Stimme wie kurz vorm Ersticken, wie kurz vorm Weinen. Und ich bin nicht froh, dass das alles vorbei ist...nicht richtig jedenfalls. Der Geschmack der Trauer hat sich dazu gemischt und ist zu stark dafür. Das war es also?

Freitag, 29. Januar 2016

#65

Grinsend betrete ich eine der Umkleidekabinen, während Lilith und Maike die neben mir beziehen. Nach der Schule bin ich spontan mit den beiden - und Julian, Joel und Danny - noch mit in die Stadt gekommen, weil ursprünglich Lilith ihren Kleiderschrank füllen wollte.
Aber es liegt wohl doch irgendwie in den Genen eines jeden Mädchens, beim Shoppen nicht leer auszugehen. Oder zumindest zig Sachen anzuprobieren.
Als ich aus der Kabine trete, habe ich ein türkises T-Shirt an mit der Aufschrift "I woke up like this #nofilter", welches wir ziemlich witzig fanden. Maike hat sich das gleiche T-Shirt in weiß geholt und wir stehen kichernd nebeneinander vor dem Spiegel. "Ich finde, so können wir uns sehen lassen, oder Partnerin?", lache ich und stoße sie sanft in die Seite und sie nickt, grinst mich an.

Später treten wir zu dritt aus der Kabine und haben - tatsächlich ohne Absprache - das andere T-Shirt an, das wir drei gemeinsam ausgesucht haben. Meins ist blau, Maikes weiß und Liliths schwarz. "Dream. Believe. Achieve." steht drauf und wir stellen uns vor den Spiegel, posieren und grinsen über unseren Triolook. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es sein kann, mit Freunden ein wenig durch die Stadt zu bummeln und irgendwie komme ich nicht um den Gedanken, dass das alles bald vorbei sein wird und die Zeit ziemlich vermissen werde.

Donnerstag, 21. Januar 2016

#64

"Wir haben dich heute übrigens in Englisch gefunden", erzählt Paul gerade Julian und ich grinse. Er meint den Romeo aus der Verfilmung mit Leonardo DiCaprio; es ist allerdings eher neckend gemeint, weil er auf die Tatsache anspielt, dass sich Romeo, da seine letzte Geliebte ihn nicht wollte, plötzlich direkt neu verliebt - eben in Juliet. Fragend sieht Julian Paul an, der dann erklärt, dass wir diesen Film gesehen haben.
"Ich war sogar mal Romeo", erzählt er dann und Paul gluckst. "Für wen? Josi?" Bei seinen Worten muss ich anfangen zu lachen und Julian sieht mich verwirrt an. "Warum lachst du?"
"Keine Ahnung, niemand lacht über meine Witze außer sie. Aber ich sehe es als Indikator dafür, dass sie die Richtige ist", meint Paul dann und ich lächle breit. Ich hoffe es doch.

Sonntag, 10. Januar 2016

#63

Ich schlendere durch den Supermarkt und sehe mich dabei in den Regalen um. Meine Eltern sind schon vorgegangen, aber anders als früher, als ich noch klein war, rufen sie mich nicht alle 2 Sekunden, damit ich hinterher komme. Jetzt halten sie mich wohl für alt genug, um mitzuhalten und so bleibe ich auch zwischendurch stehen, um mir bestimmte Sachen genauer anzusehen.
Es ist ein Kaufland. Ziemlich lang her, dass ich in einem Supermarkt dieser Kette war. Wirklich schon dreieinhalb Jahre? Vielleicht war ich ja doch seit meinem Umzug wieder da, aber erinnern kann ich mich nicht daran. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an.
Ich lande in der Süßigkeitenabteilung. Abgesehen davon, dass die Regale an einem anderen Platz stehen und vertikal zur Kasse sind statt horizontal, sind sie gleich aufgebaut wie der Kaufland, in dem ich früher fast täglich war. Der neben meiner alten Schule. Wir sind immer alle in der Mittagspause hingegangen, um uns unser Mittagessen zu kaufen. Klar, dass da meistens was zum Naschen noch mitgegangen ist. Selten fünfmal das Gleiche, eher fünf verschiedene Sachen, die man dann miteinander teilen konnte.
Plötzlich fällt mein Blick auf Gummiwürmer und das erwischt mich doch kalt. Ich bleibe stehen und starre diese Packung an. Eine Zeit lang waren die total beliebt bei uns in der Stufe. Jeder dritte hat sich die gekauft, es muss in der 6. Klasse gewesen sein. Ich hab mir auch mal so eine Packung gekauft, weil die echt lecker waren. Die Phase ging auch bald vorüber. Mir fällt auf, dass ich diese Gummiwürmer nie woanders gesehen habe als in einem Kaufland.
Mich überkommt der Drang, mir diese Packung zu nehmen und meine Eltern zu überreden, sie mir zu kaufen.
Ich vermisse die alten Zeiten.
Ein wenig verspüre ich den Wunsch, noch einmal zurückzukönnen. Für einen normalen Tag von damals.
Aber die Vergangenheit sollte man ruhen lassen. Ich lasse die Packung im Regal.
Vermutlich würden mir die Gummiwürmer heute gar nicht mehr schmecken. In Erinnerungen wirkt doch immer alles besser, als es war.