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Mittwoch, 6. Mai 2015

#59

Schweren Herzens erhebe ich mich und gehe zum Schrank, wo meine Bürste liegt. Naja, gut sie gehört nicht mir, aber niemand in diesem Haus macht mittlerweile von ihr Gebrauch und deswegen nutze ich sie jetzt. Paul packt am anderen Ende des Zimmers seine Sachen zusammen.
"Wo ist meine Brille? Am anderen Ende, oder?", frage ich und fahre mir mit der Bürste durch die Haare. "Ja", antwortet er.
Es vergehen einige Sekunden, dann höre ich ihn näher kommen, gefolgt von seiner Stimme, die mit einem Mal ganz förmlich klingt: "Guten Tag."
"Nimm meine Brille ab, Paul", erwidere ich nur, ohne mich umzudrehen oder meine Tätigkeit zu unterbrechen.
"WOHER WUSSTEST DU DAS?", ruft er völlig überrascht aus und ich grinse nur, während ich mich schließlich doch umdrehe. Meine Brille hält er mittlerweile in der Hand und reicht sie mir daraufhin. "Tja, ich bin halt gut", lache ich.
"Nein, ernsthaft!" Sein Gesicht ist einfach unbezahlbar. Mein Grinsen wird breiter. "Ich kenn dich halt."

Mittwoch, 29. April 2015

#58

"Wir haben noch immer keine Fotos gemacht", meint Paul zu mir, während seine Stirn an meine gelehnt ist. "Stimmt", erwidere ich und schmunzle. Eigentlich hatten wir ja vorgehabt, dies bei unserem letzten Treffen zu tun, aber dann waren wir beide doch zu faul gewesen. Wie schon etliche Male davor.
"Ich fürchte, unsere nächsten Fotos werden einfach die Hochzeitsfotos sein", grinst er und entfernt sich dabei von mir, um etwas in den Müll zu werfen. Ich lache und kann ein breites Lächeln nicht unterdrücken. Ja, vielleicht, aber es werden dann wohl auch die glücklichsten Fotos von mir sein, die es je geben wird.

Samstag, 25. April 2015

#57

"Tut mir leid", flüstere ich unter Tränen. Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid. Dass ich mich so querstelle, dass ich so unmöglich bin, dass ich mich so eifersüchtig aufführe, dass ich so bin wie ich bin. Meine Stimme bricht und ich habe das Gefühl zu ersticken. Ich möchte mich an ihn krallen und in seinen Armen liegen, bis der Schmerz vorübergeht, bis der Hass gegen mich selbst nicht mehr so sticht, bis sich die Welt wieder ertragbar anfühlt, aber ich verdiene das nicht. "Wag es nicht, dich dafür zu entschuldigen", erwidert Paul nur und zieht mich an sich, aber ich verdecke mein Gesicht nur mit meinen Händen und kann nicht aufhören zu weinen, obwohl es nicht hilft, obwohl ich nur weniger Luft zum Atmen habe und der Schmerz nicht aufhört. Plötzlich fühlt es sich so selbstverständlich an, dass das hier irgendwann mal aufhört, weil ich es kaputt machen werde. So wie ich alles andere in meinem Leben kaputt mache. Wie sollte diese Beziehung halten, wenn ich dieses Monster in mir nicht unter Kontrolle bringen kann? Und ich kann es nicht, ich kann es nicht.
"Ich mache alles kaputt", bringe ich dann hervor, wobei man wahrscheinlich ohnehin nichts versteht. Aber er scheint es zu tun. "Hör zu. Niemand wird das hier kaputt machen. Nicht du, nicht ich und auch niemand anderes. Keiner macht uns das kaputt, okay?" Und ich möchte "okay" antworten, aber nichts in mir fühlt sich dazu in der Lage, das zu glauben. Nicht solange dieser Dämon in mir wütet und mich so furchtbar sein lässt, wie ich wohl in Wahrheit bin.

Donnerstag, 2. April 2015

- 4 -

Weißt du, ich würde lügen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass du mir nie wirklich etwas bedeutet hast. Und es wäre auch unglaublich grausam von mir. Aber manchmal wünschte ich wirklich, es wäre so gewesen. Du hast immer gesagt, du tust mir nicht gut und ich habe immer geglaubt, das wäre eine Lüge, eine Illusion - ausgelöst von deinem schlechten Selbstbild. Aber vielleicht hattest du auch einfach Recht. Irgendwann habe ich es gemerkt, es hat mich krank gemacht. Natürlich bin ich nicht klein und zerbrechlich - aber an dir wäre ich fast gestorben, jedenfalls hatte es sich so angefühlt. Ich wusste nicht mehr, wer ich war und wo ich hingehörte. Ich wusste nicht mehr, wie es sich anfühlt glücklich zu sein. Mit sich im Reinen zu sein. Selbst jetzt weiß ich es noch immer nicht zu hundert Prozent - aber ich weiß es immerhin mehr als vorher. Bevor ich einen Schlussstrich gezogen habe. Du musst verstehen, dass du mir immer wichtig warst, dass ich deinetwegen natürlich nicht nur unglücklich war und ja, manchmal vermisse ich die Verbindung, die wir zueinander hatten. Ich frage mich auch oft, wie es dir jetzt geht und manchmal möchte ich dich gerne fragen. Aber ich habe beschlossen, dass ich nicht möchte, dass wir uns noch einmal näherkommen, weil es uns nicht gut tut. Besonders mir nicht. Wir sollten einsehen, dass wir uns nur gegenseitig zerstören - und du bist ja jetzt auch besser dran, meinst du nicht? Du brauchst mich nicht und ich brauche dich nicht. Wir haben gelernt, ohne einander zu leben und ich glaube, das ist ein wichtiger Schritt gewesen. Ich möchte nicht sagen, ich bin froh über das, was aus uns geworden ist; aber ich glaube wirklich, dass es so besser ist. Für dich, für mich, für uns - für alle. Es tut mir trotzdem leid, dass ich dir das alles nie gesagt habe und mich einfach zurückgezogen habe. Ich habe gedacht, dass es so einfacher wäre. War es ja auch. Aber eben nur für mich. Ich weiß, dass das egoistisch war - aber ich hab dir ja immer gesagt, dass ich es bin, auch wenn du es nie geglaubt hast. Vielleicht tust du es ja jetzt.

Freitag, 27. März 2015

#56

Triumphierend greift Paul nach meiner Mütze, die auf meinem Bett lag, und hält sie so weit es geht von mir weg. Angesichts der Tatsache, dass wir auf einer großen Matratze liegen und keiner verletzt werden kann, schnelle ich ohne zu zögern hinterher und werfe ihn dabei um, um die Mütze ergreifen zu können. Mit einer Hand bekomme ich sie schließlich zu fassen, doch Paul lässt nicht los. So liege ich also direkt auf ihm, während wir beide an der Mütze festhalten. "Wenn wir nicht zusammen wären, ist das hier voll die gute Möglichkeit, um dich auf mich zu bringen", witzelt er und grinst. "Oder für dich, um dich auf mich zu legen."
"Stimmt", erwidere ich und beuge mich zu ihm runter, "aber vielleicht hast du es ja trotzdem genau deswegen getan?"
"Bestimmt", murmelt er an meinen Lippen, bevor er mich küsst. Sonderlich lange genießen wir beide den Kuss nicht, da ich nach einigen Sekunden meine Chance sehe und an der Mütze ziehe - aber Paul lässt noch immer nicht los. Wir fangen beide an zu lachen. "Aber weil wir zusammen sind, lässt keiner die Mütze los, um den Kuss zu vertiefen", kichert er und ich kann ihm da nur zustimmen. Gott, wie ich diesen Jungen und unsere Beziehung liebe.

Donnerstag, 19. März 2015

#55

Ich sitze im Biounterricht, während wir über die Bergmann'sche und Allen'sche Klimaregel sprechen. Nachdem wir diese schließlich korrekt formuliert haben, meine ich dann mehr zu mir als zu jemand anderem: "Ah gut, dann schreibe ich das mal direkt auf. Extra schön und verständlich für Esther."
"Ehh, wie unnötig, dass du das für Esther aufschreibst", kommentiert Olivia zwei Plätze neben mir in einem nachahmenden, kindlichen Ton. Sie spielt darauf an, dass ich sie letzte Woche darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich Esther meine Hefteinträge von Bio ausleihen würde und sie nicht extra für sie mitschreiben müsste. Seitdem ist eine Woche vergangen und die ganze Woche war sie nicht gut auf mich anzusprechen. Wenn wir miteinander sprachen - was ich nach einigen Versuchen möglichst vermieden hatte -, hatte sie mich nur grundlos angegiftet oder war aus heiterem Himmel genervt, ohne dass ich etwas getan hätte.
Und dann platzt mir der Kragen.
"Weißt du, im Gegensatz zu dir bemühe ich mich immer und in jedem Unterricht und das für mich. Das beinhaltet auch, dass ich mein Heft ordentlich führe, wovon du wohl nichts verstehst", erwidere ich also patzig, weil ich genug davon habe, dass sie die beleidigte Leberwurst spielt. Und das auch noch wegen so einer Kleinigkeit und ohne Klartext zu sprechen. Nein, lieber nutzt sie Alltagssituationen, um mich ohne ersichtlichten Grund anzumotzen. "Und es ist verdammt kindisch von dir, wegen letzter Woche immer noch so beleidigt zu sein und mich eine Woche lang deswegen anzugiften." Daraufhin ist sie ruhig und wir sprechen den Rest des Tages nicht mehr miteinander. Besser so.

Mittwoch, 21. Januar 2015

#54

Mein Kichern unterdrückend binde ich Pauls Schnürsenkel zusammen, sodass seine beiden Schuhe miteinander verbunden werden. Er unterhält sich mit den anderen, sodass er nichts davon merkt.
Nach einer Weile stehe ich schließlich auf und gehe einen Schritt von ihm weg, er macht Anstalten sich ebenfalls zu erheben und deswegen merke ich breit grinsend an: "Ich würde an deiner Stelle nicht aufstehen." Zunächst scheint er verwirrt zu sein, doch dann blickt er nach unten und schaut mich daraufhin böse an. Lachend trete ich noch einen Schritt zurück und als er doch aufsteht, renne ich durch die Tür zur Eingangshalle. Er gibt jedoch schnell auf und geht zurück. Ganz traue ich der Sache nicht, deswegen versuche ich vorsichtig zurückzugehen. Durch die Glastür kann ich ihn nicht entdecken, was mich verwirrt, aber im nächsten Moment klärt es sich, denn er springt von der Seite in mein Blickfeld. Meine Reaktion ist ein nochmaliges Wegrennen, aber er bleibt wieder zurück.
Diesmal nähere ich mich von der anderen Seite, sodass ich ihn sofort sehe. Ich grinse ihn frech an, aber dann kommt er auf mich zu und scheint sich in der Zwischenzeit befreit zu haben, will mich diesmal wohl wirklich jagen, woraufhin ich durch die Eingangstür renne. Paul verfolgt mich und ich kann mein Lachen nicht unterdrücken, was es mir schwer macht, ordentlich Luft zu holen beim Laufen. Ich schlage einen Haken und husche durch die Eingangstür und bewege mich Richtung Schulhof. Nach einigem Hin- und Hergehetze fängt Paul mich schließlich doch ein. "Du bist so unmöglich", sagt er grinsend und gibt mir einen Kuss. Ich kann beides nur erwidern. Einen Moment bleiben wir so, die Arme um den jeweils anderen gelegt, stehen, beschließen dann jedoch zu den anderen zurückzukehren. "Du bist unmöglich", wiederholt Paul und ich kichere. "Aber wenigstens wird es mit dir nie langweilig." Daraufhin muss ich lächeln.