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Mittwoch, 24. August 2016

#70

"Ich glaube, meine Ex hat immer noch meinen Gameboy", meint Nico dann nachdenklich und ich ziehe eine Augenbraue hoch, während ich ihn ungläubig ansehe. Wir sitzen mit meinen Freunden am Rhein, weil heute unsere Geburtstagsfeier ist - Pauls, Julians, Joels und meine.
"Nicht wirklich, oder? Und ich dachte, sie ist nett."
"Ja, das hab ich auch gedacht", entgegnet er schnaubend mit einem halben Lachen.
"Das ist ja echt blöd", meine ich dann und Bedauern streift mein Gesicht. "Na dann ist ja gut, dass du sie losgewo-...wer von euch hat nochmal Schluss gemacht?" Nachdenklich runzle ich die Stirn, aber es will mir partout nicht einfallen, dabei habe ich doch eigentlich alles mitbekommen damals. Ich erinnere mich noch daran, wie er mich nach der Trennung nach einem Date gefragt hat, nicht zuletzt weil ich die letzten zwei Tage meine Zeit damit verbracht habe, meinen alten Blog und meinen aktuellen einmal komplett durchzulesen.
"Naja, so richtig keiner. Weißt du das echt nicht? Warte, haben wir da überhaupt geredet?"
Mein Blick gleitet von ihm weg und ich sehe nach vorne. Ich kann ihm dabei einfach nicht in die Augen sehen, weil ich nicht wissen möchte, was das für eine Reaktion bei ihm auslöst. Nachdem ich zwei Tage damit verbracht habe, mich durch die Gefühlswelt meines früheren Ichs zu wühlen, ist es bei mir nachhallender Schmerz, weil mir beim Lesen wieder bewusst geworden ist, wie weh es mir damals getan hat. Es tut nur an der Oberfläche weh, aber tief in mir drinnen spüre ich auch immer noch die Erinnerung daran, dabei ist es schon so viele Jahre her. Und wie damals möchte ich nicht wissen, wie das für ihn war. Am liebsten möchte ich nie wieder daran denken und das aus etlichen Gründen. Und ich will wirklich nicht wissen, wieso er das damals getan hat. Ich will nicht hören, wie er so kalt gewesen sein konnte. Wie er mir so wehtun konnte. Wie ich ihm so gleichgültig sein konnte.
"Nein, wir haben viel früher nicht geredet."

Freitag, 19. August 2016

#69

Ich schlendere allein durch die Stadt. Heute morgen sind wir von Mallorca zurückgekommen, aber weil meine Brille einen leichten Schaden hat und ich noch Pauls Geburtstagsgeschenk vervollständigen muss, bin ich dann mittags los, um alles zu erledigen. Gerade stehe ich einfach so im Claires, ein Laden mit lauter Mädchenkrimskrams. Armbänder, Haarreifen, Haargummis...und Ketten. Mein Auge fällt auf die Ketten, die im Zweierpack verkauft werden. In allen möglichen Variationen sind es zweigeteilte Herzen mit der Aufschrift "best friends", deren Hälften je an einer Kette hängen und die man nicht nur aneinander halten kann, sondern die auch noch durch einen Magneten dann zusammengehalten werden. Ohne ersichtlichen Grund beäuge ich jede dieser Ketten und betrachte sie, füge sie zu einem ganzen Herzen zusammen, bis mir plötzlich etwas Ungewöhnliches in die Hände fällt.
Wieder ein Herz, wieder die Aufschrift "best friends", aber diesmal nicht zwei, sondern tatsächlich drei Teile. Links und rechts ist kleiner als die anderen, dafür gibt es eben dieses Mittelteil des Herzens, das ebenfalls extra an einer Kette hängt. Ich betrachte die Teile und füge sie zusammen, weiß gar nicht wieso ich die ganze Zeit darauf starre, aber es kommt auf einmal eine Trauer in mir hoch, die ich mir nicht erklären kann.
Die hätten wir früher benutzen können, muss ich dann plötzlich denken. Abgesehen davon, dass weder Natalie noch Esther oder ich sowas Kitschiges getragen hätten. Aber es ist das erste Mal, dass ich so eine Kette sehe und es macht mich traurig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie mir theoretisch hätte nützlich werden können. Weil nichts mehr so ist wie es mal war und ich weiß, dass es nie wieder so sein wird. Ich führe kaum eine wirkliche Freundschaft zu Natalie oder Esther, dabei sind die beiden wirklich einmal meine besten Freundinnen gewesen, mit denen ich alles hatte teilen können. Diesen Mittwoch kommen sie mich besuchen und bleiben bis Freitag. Erst im Mai haben wir uns gesehen, als ich in der Heimat war, einen Nachmittag lang mit anderen alten Freunden. Da ist mir klar geworden, wie sehr sich alles verändert hat, obwohl ich es ja gewusst hatte. Aber es ist etwas ganz anderes, sich anzuhören was alles anders ist. Dass eigentlich fast nichts mehr so ist, wie es mal war und zu realisieren, dass man nichts davon mitbekommen hat. Das Leben der anderen ist weitergegangen, so wie meins einfach stetig vorangeschritten ist, weil es ohne die anderen ging. So wie es ohne mich ging. So richtig zusammenpassen wollten wir auch nicht mehr, obwohl etwas von der alten Freundschaft, die mich einst mit ihnen verbunden hatte, zu spüren war. Nur dass sie eben nicht mehr zu uns gehörte und alles anders war und nie wieder so sein würde, wie es mal gewesen war.

Donnerstag, 16. Juni 2016

#68

"Naja, wir haben jetzt beschlossen, beste Freunde zu sein. Beste Freunde verbringen gerne mehr Zeit miteinander als mit normalen Freunden, aber man ist eben nur befreundet", erklärt Maike mir ihre komplizierte Situation mit Julian, während wir telefonieren. Ich runzle die Stirn, dunkle Erinnerungen treten in mein Bewusstsein und ich nehme ihr das Versprechen ab, auf sich aufzupassen.
"Er hat mir sogar das hier geschrieben: 'Wir waren schon immer beste Freunde, oder?'" Mein Herz setzt einen Moment aus und ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, obwohl ich auf ihm liege und mein Bett eigentlich recht warm ist. "Wie...meint er das?", frage ich, bemüht um eine normale Stimme.
"Seit wir befreundet sind, schätze ich", erklärt sie mir. Und das wäre schon seit vielen Jahren.

Als später das Gespräch beendet ist, starre ich an die Wand und ich fühle eine kalte Wut in mir, die meinen ganzen Körper füllt. Maike und er sollen also schon immer beste Freunde gewesen sein? Und was ist bitte mit ihm und mir? Er hat mir eineinhalb Jahre lang wirklich etwas als Freund bedeutet. Aber anscheinend waren diese eineinhalb Jahre Freundschaft doch nichts für ihn. Kein Wunder, dass sie geendet hat. Dann kann ich ja jetzt noch froher sein, ihn losgeworden zu sein.

Mittwoch, 11. Mai 2016

#67.1

"Hallo?"
"Ja, hallo, hier ist Valerie. Kann ich mit Kevin sprechen?" Es ist seltsam, ihn mit diesem Namen zu nennen, aber so ist nun mal sein erster Vorname und es würde wohl nur zu unnnötigen Komplikationen führen, wenn ich mit meinem Spitznamen für ihn nach ihm frage.
"Ja, Moment."
Ich warte also für einen Augenblick und vernehme dann sein verwirrtes "Halloo?".
"Hey, Maxi", begrüße ich ihn dann lächelnd und bei seinen nächsten Worten kann ich mir sein Gesicht nur zu gut vorstellen. "Ach, Teddy, du bist's. Nicht Melanie." Seine Mutter muss mich wohl falsch verstanden haben und ich lache. Ich mag die Vertrautheit zwischen uns, die allein durch die Spitznamen für den anderen besteht. Man muss nicht einmal die Stimme des Anderen erkennen - keiner auf dieser Welt nennt ihn Maxi außer mir und niemand nennt mich Teddy außer ihm. Wir waren nie die engsten Freunde, die sich jeden Tag treffen und alles erzählen...aber wir waren gute Freunde, die immer aufeinander zählen konnten und obwohl wir uns kaum noch sprechen, ist diese Freundschaft immer zwischen uns geblieben.

Dienstag, 10. Mai 2016

#67

Mit klopfendem Herzen starre ich das Telefon an. Es hämmert gegen meine Brust und ich weiß nicht, ob ich das wirklich tun soll. Es ist nicht der erste Anruf, den ich heute tätige - Natalie, Lisa, Desiree, Theo, Maxi...es ist eine Ewigkeit her, dass ich diese Nummern eingetippt habe. Manche habe ich sogar noch nie eingegeben. Ist es nicht seltsam, dass es mir gar nicht fremd vorkam? Es war so schön, ihre Stimmen wieder zu hören. Komisch war es nur, von ihren Leben zu hören und zu wissen, dass  ich es nicht miterlebt habe. Schließlich war es lang genug so, dass ich dazu beigetragen habe, oder? Aber jetzt ist es nicht mehr so. Seit fast vier Jahren hat sich dieser Zustand geändert und trotzdem war es seltsam, mir anzuhören was sie erlebt haben. Natürlich haben wir nicht lang geredet - schließlich sehe ich sie alle diesen Samstag wieder. Fast muss ich lachen, weil ich gar nicht daran geglaubt habe, dass sie mich sehen wollen. Sind wir nicht mittlerweile Fremde? Alte Freunde leben sich schließlich auseinander, oder? Aber sie schienen mich genauso gern sehen zu wollen wie ich sie. Bis Samstag, habe ich jedes Mal am Ende gesagt. Es ist solange her, dass ich solch eine Floskel ihnen gegenüber benutzen konnte. Ist das überhaupt real?
Aber der nächste Anruf hat eine ganz andere Schwierigkeit. Will ich Esther wirklich sehen? Kleinlaut habe ich Natalie am Telefon gefragt, ob sie meint, dass Esther wohl gut auf mich anzusprechen wäre. Natürlich bin ich diejenige, die sauer gewesen ist, weil ich von ihr links liegen gelassen wurde...aber genauso war ich diejenige, die einfach den Kontakt abgebrochen hat. Wir sind beide schuld, dass unser Neuanfang nicht geklappt hat - obwohl ich in meinem egozentrischen Denken eindeutig ihr die größere gebe.

Trotzdem sitze ich hier auf meinem Bett und spiele die Möglichkeiten durch. Ich bin einfach unverbesserlich. Wieso hänge ich immer so an der Vergangenheit? Das letzte Mal als ich beschlossen hatte, trotz Zweifel eine Chance zu vergeben, bin ich versetzt worden, weil sie einen Freund hatte. Der mein bester Freund war. Jetzt habe ich weder eine beste Freundin noch einen besten Freund - obwohl ich über die Tatsache an sich nicht so traurig bin. Ich brauche das nicht.
Aber es ist ja nur ein Treffen, oder? Und ich würde sie genauso gern wiedersehen wie die anderen. Ich tippe ihre Nummer ein und warte, während es in meiner Brust unermüdlich klopft und klopft und klopft.
"Hallo?" Es ist ihre Mutter. Ich nenne meinen Namen und frage nach ihr, aber sie ist unter der Dusche, also muss ich danach ihren Rückruf abwarten. Schließlich klingelt es und ich nehme mit meinem Namen ab. "Hey!" Ihre Stimme klingt aufgeregt und total glücklich, worüber ich ein wenig verwundert bin. Aber wir reden kurz und es ist alles normal, wie bei den anderen. Vielleicht sogar ein wenig vertrauter. Schließlich frage ich sie genauso, ob sie am Samstag kommen möchte und sie sagt zu.

Und ich kann noch immer nicht fassen, dass ich nach vier Jahren an den Ort zurückkehren werde, der für mich am ehesten das ist, was mein Heimat nennt.

Sonntag, 20. März 2016

#66

Ich stehe im Foyer unseres Schulgebäudes, die Hälfte meiner Stufe steht vor der Schule, ich kann sie von hier aus durch die Glastüren sehen. Durch die Glastüren, durch die wir alle die letzten Jahre regelmäßig durchgelaufen sind. Die andere Hälfte steht verteilt auf dem Schulhof zu meiner linken und um mich herum. Auf den Schulhof wurden wir bis zur 10. Klasse immer hinaus gescheucht, aber es hat uns nicht daran gehindert, uns auf die Treppe im Flur neben der Eingangstür zu setzen.
Die Treppe zu der wir uns jetzt bewegen - ein allerletztes Mal. Ein allerletztes Mal setzen wir uns hin, als Gruppe, auf unseren Stammplatz, den wir seit Jahren belegen. Sabine macht ein Foto von uns, sie kommt gleich mit zu unserer Feier, weil sie irgendwie mittlerweile dazu gehört, obwohl sie anfangs nur Maikes Nachbarin war. "Wenn wir in 20 Jahren das anschauen, werden wir bei dem Bild lächeln und sagen 'Das. Das war die Treppengang.' und unsere Kinder werden die Augen verdrehen und es uncool finden...aber das hier ist unsere coole Clique", meint Annika dann und grinst und entlockt mir damit auch eins, obwohl ich mich seltsam fühle. Wie auf der Schwelle zwischen Trauer und Glückseligkeit. Zwischen Nostalgie und Vorfreude.

Die anderen verlassen das Gebäude, aber ich muss mich noch einmal umdrehen und betrachte die Eingangshalle. Plötzlich schießen Erinnerungen aus meiner alten Schule in mir hoch und es ist, als würde ich beides nebeneinander sehen. Nur mit viel Mühe kann ich die Tränen zurückhalten, die auf einmal aus meinen Augen treten wollen und ich versuche, die Erinnerungen wieder beiseite zu schieben. Ich habe die Hälfte meiner gymnasialen Schulzeit in einer völlig anderen Schule verbracht, aber die letzten vier Jahre haben mich deswegen nicht weniger geprägt. Und irgendwie glaube ich, dass mich die Jahre hier an dieser Schule glücklicher gemacht haben als meine Zeit damals an meiner alten Schule.
Ich folge den anderen durch die Menge, die meine Mitschüler vor der Schule gebildet haben, aber ich kann nicht aufhören nach hinten zu sehen und das Gebäude anzuschauen, das ich die letzten vier Jahre regelmäßig betreten habe. Ich hebe meine Hand und winke den Leuten, rufe ein lautes "Tschüss!" und ein leichtes Lächeln umspielt meine Lippen, während ich mich rückwärts gehend von der Schule entferne. Von meinen Mitschülern. Von den Leuten, die ich die letzten vier Jahre ständig um mich hatte. "Ich dachte immer...ich dachte immer, ich wäre froh, wenn dieser Tag kommt und ich diese Stufe endlich los bin", sage ich dann laut. Ob man mir die Tränen anhört, die ich gerade zurückhalte? Mir ist, als klänge meine Stimme wie kurz vorm Ersticken, wie kurz vorm Weinen. Und ich bin nicht froh, dass das alles vorbei ist...nicht richtig jedenfalls. Der Geschmack der Trauer hat sich dazu gemischt und ist zu stark dafür. Das war es also?

Freitag, 29. Januar 2016

#65

Grinsend betrete ich eine der Umkleidekabinen, während Lilith und Maike die neben mir beziehen. Nach der Schule bin ich spontan mit den beiden - und Julian, Joel und Danny - noch mit in die Stadt gekommen, weil ursprünglich Lilith ihren Kleiderschrank füllen wollte.
Aber es liegt wohl doch irgendwie in den Genen eines jeden Mädchens, beim Shoppen nicht leer auszugehen. Oder zumindest zig Sachen anzuprobieren.
Als ich aus der Kabine trete, habe ich ein türkises T-Shirt an mit der Aufschrift "I woke up like this #nofilter", welches wir ziemlich witzig fanden. Maike hat sich das gleiche T-Shirt in weiß geholt und wir stehen kichernd nebeneinander vor dem Spiegel. "Ich finde, so können wir uns sehen lassen, oder Partnerin?", lache ich und stoße sie sanft in die Seite und sie nickt, grinst mich an.

Später treten wir zu dritt aus der Kabine und haben - tatsächlich ohne Absprache - das andere T-Shirt an, das wir drei gemeinsam ausgesucht haben. Meins ist blau, Maikes weiß und Liliths schwarz. "Dream. Believe. Achieve." steht drauf und wir stellen uns vor den Spiegel, posieren und grinsen über unseren Triolook. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es sein kann, mit Freunden ein wenig durch die Stadt zu bummeln und irgendwie komme ich nicht um den Gedanken, dass das alles bald vorbei sein wird und die Zeit ziemlich vermissen werde.