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Mittwoch, 10. Januar 2018

#97

"Naja und dann haben wir uns ziemlich viel erzählt und sind uns gestern näher gekommen. Ich hab ihm von... - oh, davon weißt du gar nichts", unterbricht Freschta sich selbst und ich horche auf, schaue sie neugierig an. "Was denn?"
"Muss das jetzt sein?"
"Und wie." Ein kleines Grinsen huscht mir über die Lippen. Fast fühlt es sich wie immer zwischen uns an, aber irgendwie auch nur fast. Vermutlich trügt mich dieses Gefühl, so oder so muss ich damit jetzt leben, weil sich ab jetzt vermutlich alles ändern wird.
"Naja... ich hab Narben auf meinen Beinen und ich hab ihm erklärt, woher sie stammen."
"Woher?", frage ich, doch eigentlich weiß ich die Antwort schon. Sie ist so offensichtlich.
"Selbstverletzung."
"Von wann?" Sie nennt einen Zeitraum, der schon etliche Jahre zurückliegt und erzählt dann weiter und ich höre ihr zu, aber ein Teil meines Gehirns beschäftigt sich mit den Narben, die auf meinem Bein zu sehen sind. Rechts, Oberschenkel. Es ist vier Jahre her und sie sind schon sehr verblasst, weil sie nie sehr tief waren. Bis auf Julian (und wenn man mein quasi Doppelleben im Internet auf meinem Blog abzieht) habe ich noch nie jemandem davon erzählt und sie sind an einer Stelle, die nicht gerade auffällig ist, weil mir das damals unglaublich wichtig war. Und weil ich mich nach meiner Beichte ihm gegenüber so schlecht gefühlt habe, habe ich es bis jetzt noch nie übers Herz gebracht, jemand weiteren einzuweihen. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, aber mich immer dagegen entschieden. Jetzt gerade ist es nicht einmal eine bewusste Entscheidung, eher eine Selbstverständlichkeit. Es gibt einige andere Leute, denen ich das vorher anvertrauen würde, bevor sie kommt, einfach weil ich sie länger und besser kenne. Aber ich schaffe es sowieso nicht, darüber zu reden. Darüber, wie einsam ich mich einmal gefühlt habe. Darüber, dass es für mich mal keine schrecklichere Person als mich selbst gab. Darüber, dass ich mal so nah am Abgrund balanciert bin. Denn da ist diese irrationale Angst in mir, dass ich mich ihm wieder nähere, wenn ich diese alten Gedanken wieder ausspreche.

Dienstag, 2. Januar 2018

#96

"Und, gibt es was bei dir zu erzählen?", fragt Freschta und ich bin froh, dass wir am Telefon sind, denn für einen Moment wirft mich die Frage aus der Bahn. Ein "Wie geht's dir?" kann ich noch gut als Floskel wahrnehmen und locker darauf antworten, abgesehen davon dass mich das sowieso kaum einer fragt. Das Zögern ist vermutlich nicht lang, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, während mir in diesen kleinen, kurzen Sekunden tausend Gedanken durch den Kopf schießen, was ich antworten könnte. Und wie es was zu erzählen gäbe. Aber wenn ich es nicht einmal meiner Cousine erzählen kann, dann auch nicht ihr. Oder Jonas. Obwohl ich bei ihm ernsthaft darüber nachgedacht habe.
"Nein, nicht wirklich. Und bei dir?", antworte ich dann locker, die Lüge gleitet mir mühelos über die Lippen, weil ich es schon viel zu sehr gewohnt bin und es begleitet mich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Es gibt einfach Dinge, bei denen ich nicht weiß, wie ich sie aussprechen soll.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

#95

Als Freschta durch die Tür tritt, drehe ich mich weg und starre in meinen Rucksack, greife nach meinem Notizbuch und will am liebsten schreiben, denn meine Gedanken rasen wieder und überschlagen sich. Aber das würde Aufmerksamkeit darauf lenken und das ist das letzte, was ich will, also reiße ich mich zusammen, schon wieder, und packe es ein. Meine Sachen sind jetzt alle verstaut und ich schließe die Augen und atme tief durch, während Jonas und Freschta sich begrüßen. Nicht mehr lange. Halt durch.
Sie kommen ins Zimmer. "Die anderen haben sich totale Sorgen um euch gemacht und gefragt, wo ihr steckt", erzählt sie und ich zwinge mir ein Lächeln auf. "Na, wenn wir vorher nicht schon Probleme mit Gerüchten hatten, dass wir zusammen wären, dann wohl jetzt", witzelt er und das ist genau der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich gebe mir größte Mühe und lache ein wenig. "Das könnt ihr ja ändern. Ist wohl auch mein Stichwort zu gehen, was?" Die zwei haben sicher einiges zu besprechen und ich bin froh, wenn ich nicht mehr so tun muss, als würde mich das alles kalt lassen. Ich bin schon seit über zwölf Stunden dabei, die gute Freundin zu spielen, dabei bin ich selbst überfordert mit der Situation und Verlustängste plagen mich. Aber ich habe sie heruntergeschluckt.
"Was? Ich komme, du gehst? Das geht doch nicht", protestiert Freschta, aber ich sehe ihr auch an, dass sie mit ihm allein sein will. "Wir sehen uns doch oft genug", antworte ich locker und grinse sogar etwas. Es erschreckt mich selbst, wie authentisch ich wirke. Trotzdem bemerke ich selbst, wie schnell ich mir meine Stiefel überstreife, während die beiden darauf bestehen, mich noch zur Bahnstation zu begleiten. Aber Gott, ich will nur noch allein sein. "Nein, schon okay, ich kenn den Weg", lehne ich mit einem Lächeln ab, aber das muss gequält aussehen, denn ich merke, wie ich immer aufgeregter werde und mich weniger beherrschen kann. Eine kleine Diskussion entsteht, aber schließlich setze ich mich durch und stehe in der Tür und will gehen. "Drückst du uns wenigstens noch?", fragt Jonas und ich presse meine Lippen aufeinander, starre den Boden an und drehe mich dann um, umarme die beiden jeweils schnell und dann bin ich schon weg und ich weiß, dass es aussieht, als würde ich wegrennen und ich hatte mir geschworen, dass ich mich für die beiden bis zum letzten Moment zusammenreiße, aber ich hab es nicht mehr geschafft und damit müssen sie jetzt leben.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

#94

"Aber Jonas", entgegne ich fast schon entsetzt, sehe zur Seite und ihn dann mit festem Blick an. "Das ist doch Unsinn. Ich mag dich. Ich verbring gerne meine Zeit mit dir, ich rede gerne mit dir und ich schreibe auch gern mit dir. Ich hab dich einfach sehr gern in meinem Leben." Wenn mich jetzt jemand mit einer Pistole auf den Kopf bedrohen und zwingen würde, jemanden als meinen besten Freund zu betiteln, würde vermutlich sein Name fallen. Das Vertrauensverhältnis, das sich zwischen uns aufgebaut hat, ist so schnell entstanden und hat eine solche Tiefe, wie es kaum einer in meinem Leben schafft.
Er ist verlegen, lächelt mich jedoch an, stottert ein wenig und meint dann: "Danke. Ich hab dich auch gern in meinem Leben." Das sorgt wiederum dafür, dass sich meine Mundwinkel heben, bevor ich mit einem leicht nervösem Lachen erwidere: "Wow, und was soll ich jetzt dazu sagen?"
"Du könntest auch so blöd vor dich hinstottern wie ich gerade, das ist bestimmt lustig", schlägt er vor und grinst schief, aber ich schüttle den Kopf. "Vergiss es." Dann überlege ich kurz, bis ich mich entschließe, ihn einfach fest zu umarmen. "Ich hab dich lieb, Jonas." Er legt ebenfalls seine Arme um mich. "Ich dich auch."

Donnerstag, 30. November 2017

#93

Als ich meinen Rucksack durchkrame, fällt mir auf, dass mein einer Block irgendwie unter die anderen gerutscht ist. Also hole ich einen Teil des Inhalts meiner Tasche heraus und breite ihn auf dem Tisch aus, an dem ich mit Jonas und Freschta sitze, um nach dem Block zu greifen. Dadrunter fallen auch meine Notizbücher, in denen ich Plotideen aufschreibe und herumschwirrende Gedanken festhalte. Während ich angestrengt nach dem Block krame, bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie Jonas eines der Notizbücher in die Hand nimmt und ich überlege kurz, ob ich etwas sagen soll, denn normalerweise sind mir diese Bücher heilig und niemand darf sie sehen. Aber dann stelle ich fest, dass es mich nicht stört, also kümmere ich mich nicht weiter darum.
Nach einigen Sekunden kann ich mir jedoch einen Kommentar nicht verkneifen und meine in Richtung meines Rucksacks: "Ich hoffe, dir ist bewusst, was für eine hohe Stellung du in meinem Leben hast, dass ich dich nicht schon längst angeschrien habe, weil du dir einfach mein Notizbuch genommen hast." "Ja, ich wollte gerade sagen, ich war richtig erstaunt und hab darauf gewartet", ergänzt Freschta völlig entsetzt und überrascht.
Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ja, die Freundschaft zwischen Jonas und mir ist wohl ziemlich besonders und mein Vertrauen zu ihm unglaublich, wenn man bedenkt, dass wir uns gerade mal seit gut zwei Monaten kennen. Aber deswegen schätze ich sie umso mehr und bin jeden Moment froh darum, dass wir uns kennengelernt haben.

Donnerstag, 9. November 2017

#92

Wir stehen draußen vor der Mensa, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Ich war mit Freschta und Helene eine Runde spazieren, jetzt leisten wir Jonas, Tobi und Milan Gesellschaft. Heute war ein ziemlich produktiver Tag, was meine gute Laune erklären könnte. Aus einem Impuls heraus umarme ich Jonas, der direkt neben mir steht, und kichere kurz, dann lasse ich ihn wieder los. "Hey, warte, meine Arme waren gar nicht frei, das machen wir nochmal", meint er mit einem leicht vorwurfsvollen Ton und zieht mich wieder an sich. Wir drücken uns fest, dann hebt er mich leicht hoch und fängt an mich herumzuwirbeln.
"Jonas!", rufe ich leicht panisch, da es immer schneller wird, aber er lacht nur, hält mich fester und dreht weiter. Ich habe wohl kaum eine Wahl und kralle mich schon fast an ihn. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich stehen bleibt, und das vermutlich nur, weil ihm selbst schwindlig wird. Auf jeden Fall müssen wir uns aneinander festhalten. Ein weiteres Lachen entweicht uns und ich schüttle den Kopf, während ich versuche ihn anklagend anzusehen, aber er grinst mich nur frech an.

Montag, 30. Oktober 2017

#91

"Weißt du, heute war da wieder sowas zwischen euch", meint Freschta zu mir, während wir zu zweit in unserem Lieblingscafé sitzen, und ich sehe sie mit schief gelegtem Kopf an. "Was meinst du?"
"Naja, mit Jonas und dir. Als ihr darüber gesprochen habt, euch zu zweit zu treffen." Verwirrt runzle ich die Stirn, da ich nicht weiß, was sie meint, daher fühlt sie sich aufgefordert es weiter auszuführen: "Also es war alles total normal bis dahin. Du hast dich halt an ihn gelehnt wie du dich an uns alle immer anlehnst. Aber als ihr dann darüber geredet habt und euch so angeschaut habt... man hatte einfach das Gefühl, als würdet ihr euch ewig kennen, dabei waren das jetzt gerade mal drei Wochen." Sie muss bei dem letzten Teil lachen und ich  muss ebenfalls etwas grinsen, schüttle dann jedoch den Kopf. Das Problem ist, dass ich es ihr nicht erklären kann, weil der Grund unseres Treffen geheim bleiben muss, weil wir seinen Geburtstag nachfeiern. Und er will nicht, dass Leute seinen Geburtstag kennen. "Du, ehrlich, ich hab davon gar nichts gemerkt. Wir verstehen uns einfach gut." Und das ist die Wahrheit. Ich hab mich selten so schnell bei jemandem wohl gefühlt und es hat selten so gut zwischen einem anderen Menschen und mir gepasst.
"Ja, klar, ich weiß. Echt, ich kenn dich. Simon und Jan haben mich da aber schon komisch angeschaut, so nach dem Motto "Läuft da was?" und ich hab denen dann auch zu verstehen gegeben, da sei nichts. Wenn ich dich nicht kennen würde, würde ich das aber auch denken. Aber ich weiß ja, wie du mit Paul bist, man muss euch ja nur mal zusammen gesehen haben." Sie lächelt und zuckt mit den Schultern und ich muss schmunzeln.