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Donnerstag, 27. April 2017

#85

Langsam schlendere ich die Treppen der Stadtbibliothek herab. Es wird nun doch Zeit, mich auf den Weg nach Hause zu machen. Oder vielleicht doch ein kurzer Abstecher zum Mayersche? Während ich noch darüber nachdenke und weitergehe, wechselt das Lied und Teenage Dream von Katy Perry schallt durch meine Ohren. Für einen Moment muss ich stehen bleiben, weil mich die Erinnerungen, die ich mit diesem Lied verbinde, überwältigen. Es ist unglaublich, dass ich nach so vielen Jahren immer noch so eine starke Verknüpfung damit habe. Jedes Mal, wenn dieses Lied kommt, muss ich es überspringen, weil es mir so unangenehm ist, an damals zurückzudenken, dabei ist gar nicht so viel passiert. Und irgendwie halt doch und irgendwie war das das Problem.


Ich kann meinen Augen kaum trauen, als ich bemerke, dass er mit seinem Freund stehen bleibt und sie sogar kurz in meine Richtung schauen. Mein Herz schlägt schneller und ich bemühe mich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu bewahren. Tatsächlich laufen sie los, als ich bei ihnen angekommen bin und er spricht mich an. Das Blut rauscht in meinen Ohren und ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Er spielt über sein Handy Musik ab und jetzt gerade fängt Teenage Dream von Katy Perry an. Seine Augen wandern zu mir, schauen mir direkt ins Gesicht und er legt seinen Kopf leicht schief, während er mich mit einem lockeren Grinsen ansieht. "Und was ist dein Teenage Dream?", fragt er mich. "Ähm, keine Ahnung", murmle ich völlig überfordert, vor allem weil ich fast "Na du" geantwortet hätte, was einfach nur endspeinlich geworden wäre, schließlich kennen wir uns kaum. 


Ich schüttle den Kopf. Es ist eine so lächerliche Erinnerung und trotzdem ist sie so fest in meinem Gehirn verankert, obwohl das jetzt gut acht oder sieben Jahre her sein muss. Nur weil ich so in ihn verschossen war? Nur weil er mir so wehgetan hat? Nur weil er so ein verdammter Idiot war? Solche Song-Verknüpfungen habe ich wirklich nicht oft, musste ausgerechnet dieser Trottel es schaffen?

Mittwoch, 22. März 2017

#83

"Irgendwie bin ich jetzt doch traurig", meine ich plötzlich, während ich auf Pauls Bett sitze. "Warum? Wegen Lukas?", fragt er und ich nicke. "Ich war den ganzen Tag sauer auf ihn, aber jetzt bin ich traurig und deswegen sauer auf mich. Ich sollte nicht traurig sein. Wir kennen uns keine drei Wochen, das sollte mir gar nicht so nah gehen." Finster starre ich vor mich hin, während Paul den Kopf schüttelt. "Das ist doch voll in Ordnung. Du bist einfach sehr empathisch und das zeigt nur, wie schnell du Menschen ins Herz schließt. Es ist doch schön, dass du ihn so schnell so gern hattest. Er hat es nur nicht verdient, dass du ihn so nett findest." Und ich würde ihm gerne zustimmen und sagen, dass das wirklich gut sei, aber ich wünschte mir wirklich, dass es anders wäre. Ich wünschte, mich hätte diese Sache am Freitag nicht so gestört. Ich wünschte, es hätte meinem Wochenende nicht diesen traurigen Beigeschmack verliehen. Ich wünschte, es hätte mich Montag nicht so verwirrt, wie er mit mir umgegangen ist. Ich wünschte, es hätte mich gestern nicht so verletzt, wie wortkarg und abweisend er plötzlich zu mir war. Ich wünschte, die Frage, ob er überhaupt mit mir befreundet sein will, hätte mich nicht so beschäftigt, dass ich ihn heute nach einem Gespräch gefragt hatte. Auf das er nicht eingegangen ist, weil er keine Zeit hatte. Und irgendwann hat er auch einfach nicht mehr geantwortet. Und dann haben wir uns im Labor gegenseitig ignoriert. Jetzt ist das Praktikum vorbei und wir werden uns vermutlich nie wiedersehen, worüber ich nicht mal richtig froh sein kann. Stattdessen sitze ich hier und bin traurig, weil ich mich so auf diese Freundschaft gefreut hatte und alles nur ein riesiger Reinfall war.

Montag, 20. März 2017

#82

Als die Assistenten uns das Startzeichen geben, stelle ich mich seufzend an das Waschbecken und wasche erstmal unsere Ausrüstung, die wir gleich brauchen. Nach einigen Minuten, ich habe gerade das dritte Becherglas gesäubert, steht auf einmal Lukas neben mir und gesellt sich beim Waschen dazu. Ich spüre eine leichte Nervosität in mir aufsteigen. Wir haben uns heute noch nicht gesehen, weil es kein Seminar gibt. Allerdings war es heute Mittag vor der Mensa ziemlich seltsam...denn ich könnte schwören, dass er einfach umgedreht ist, als er mich gesehen hat. Er war nämlich eindeutig auf dem Weg zur Mensa und ist dann, auf der obersten Treppenstufe und als wir uns kurz angesehen haben, einfach umgedreht und war später nicht bei den anderen Biochemikern zu sehen.
"Na?", spricht er mich an und ich bin verwirrt, antworte aber zögernd "Na" zurück. "Und wie war dein Wochenende so?" Ich blinzle rüber. Will er mich provozieren? Ärgern? Oder ist das ein schlechtes Gewissen? Ich kenne ihn gerade mal zwei Wochen und kann es überhaupt nicht einschätzen. "Ganz in Ordnung, schätze ich", antworte ich dann langsam und um einen neutralen Ton bemüht. Eine kurze Pause entsteht. "Und deins?", frage ich dann schließlich und sehe ihn dann an. Wir schauen uns in die Augen und er erzählt mir von seinem Wochenende und führen ein ganz normales Gespräch, als sei nichts gewesen, bis er sich schließlich zu seinem Platz aufmacht. Mich lässt er etwas verunsichert zurück, aber er würde mich wohl kaum ansprechen, wenn er mich nicht irgendwie mögen würde, oder? Zumal bei ihm drüben auch ein Wasserhahn steht. Ein kleiner Seufzer entweicht mir und ich schüttle den Kopf, um mich danach dem nächsten Versuch zu widmen.

Mittwoch, 15. März 2017

#79

Ein Seufzer entgleitet mir, während ich mein Laborjournal anstarre. Ich stehe mit einigen Kommilitonen in einem Chemielabor der Uni, die ebenfalls mit mir durch dieses Praktikum müssen. Wieso habe ich nochmal Chemie als Nebenfach gewählt? Es ist furchtbar, sechs lange Stunden hier stehen zu müssen und Versuche durchzuführen, deren Ausgang wir bereits durch das zweistündige Seminar jeden Morgen haargenau kennen. Immerhin gibt es einen positiven Aspekt, denn durch das Praktikum bin ich wieder in Kontakt mit neuen Menschen gekommen, die mir unglaublich sympathisch sind und mit denen ich mich anfreunden konnte.
Ich drehe mich um und sage Melissa Bescheid, dass ich gleich wiederkomme. Wir müssen gerade sowieso warten, weil unser Abzug besetzt wird, also können wir ohnehin nicht experimentieren. Stattdessen mache ich mich auf den Weg zum anderen Ende des Labors und stelle mich zwischen Lukas und Levin, die gerade selbst in ihr Journal schreiben.
Wir unterhalten uns eine Weile, während ihre Stifte über das Papier gleiten, bis Lukas selbst ein tiefer Seufzer entweicht und er den Kulli beiseite legt. "Heute ist ein schlimmer Tag", stellt er fest und ich kann ihm nur zustimmen. "Jap. Wir könnten eine Pause jetzt echt gut gebrauchen", erwidere ich. Er lehnt sich vor, stellt seinen Ellbogen auf den Tisch und stützt seinen Kopf mit der Hand ab, während er mich ansieht und nickt. "So wie gestern die Zwangspause, die war gut." Wir grinsen uns breit an. "Hey, wie wär's? Du stellst ein bisschen Schwefelwasserstoff her und sorgst für 'ne kleine Laborräumung, dann haben wir unsere Pause", schlage ich im Scherz vor und muss kichern, während Lukas zu lachen anfängt. "Gute Idee! Bin dabei."
Nur ein wenig später schreibt er bereits weiter, hält das aber auch nicht lang durch. "Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren", meint er frustriert und ich sehe ihn mitleidig an. "Versteh ich. Die Atmosphäre in diesem Raum ist auch furchtbar, es will einfach keiner hier sein." "Ja, genau. Ich will einfach nach Hause. Dieses Praktikum ist so schlimm", entgegnet er in einem jammernden Ton und stößt sich vom Tisch ab. Ein mattes Lächeln legt sich auf meine Lippen. "Brauchst du eine Umarmung?" "Ja", ist seine einzige Antwort und ich lache, komme dann auf ihn zu und wir legen unsere Arme umeinander. "Danke." Er lächelt mich, nun etwas besser gelaunt, an und ich lächle zurück.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #6

Liebes Paralleluniversum-Ich #1,
es gibt ein Haufen Paralleluniversen. Und in irgendeinem gibt es dich, das nie aus unserer Heimat gezogen ist. Und soll ich dir was sagen? Irgendwie beneide ich dich. Ich glaube, das kann keiner verstehen. Nicht du, nicht unser gemeinsames jüngeres Ich, kein anderes Paralleluniversum-Ich. Niemand. Nur diese Version, die dir gerade irgendwie schreibt.
Denn weißt du, ich liebe dieses Leben, das ich hier aufgebaut habe. Wirklich. Es waren nicht immer schöne Jahre und es gab eine ganze Menge Dinge, von denen ich mir wünschte, sie wären nie passiert oder anders, besser gelaufen. Die letzten viereinhalb Jahre waren bei Weitem nicht perfekt. Waren sie wirklich nicht. Aber ich bin trotzdem zufrieden damit, wie alles gelaufen ist, denn sie haben mich zu dem Punkt geführt, an dem ich jetzt bin und an diesem Punkt bin ich glücklich und ich hatte eine glückliche Zeit. Meistens. Auf jeden Fall ging es mir meistens gut und ich bin froh darüber, dass ich das alles erlebt habe.
Aber trotzdem gibt es da dieses Leben, das du führst und das ich nie führen werde, gar nicht führen kann. Und ich weiß, dass es existiert und nicht mir gehört und deswegen fühle ich mich beraubt, weil es mir ja auch irgendwie weggenommen wurde. Und deswegen bin ich so neidisch auf dich, denn du hast es. Du hast dieses Leben, auf das ich so neugierig bin und das ich so gerne mal sehen, ein wenig davon erleben würde. Ich würde niemals dieses hier dagegen eintauschen, aber ist es nicht verständlich, dass ich gern für einen Tag mal mitmachen würde? Erzähl mir, wie dein Leben die letzten sechs Jahre verlief, weil du nie erfahren musstest, dass du wegziehst. Erzähl mir alles, was du erlebt hast und welche Menschen du kennengelernt hast. Erzähl mir, wie es ist, so lange Freundschaften noch länger zu machen und erzähl mir, wie intensiv Freundschaften werden, wenn man so viele Geschichten miteinander teilt, weil man sich so lange kennt. Erzähl mir, zu was für einem Menschen man wird, wenn man an einem Ort aufwächst, den man seit der Grundschule kennt. Erzähl mir, wie es ist, in seiner Heimat erwachsen zu werden.
Du wirst dich nie fragen, was für ein Leben ich führe, weil dir gar nicht in den Sinn kommt, dass es mich gibt. Irgendwie ist das auch beneidenswert, denn wenn ich zu viel nachdenke, dann kommst immer du mir in den Sinn. Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gerne ich dich kennenlernen würde.

Valerie

Samstag, 4. Februar 2017

#78

"Und die warten natürlich nicht auf mich."
"Würde ich auch nicht." Augenverdrehend sieht Nico mich an, während ich ihn angrinse. Abgesehen von einem kurzen Treffen ist es unser erstes Aufeinandertreffen seit über einem Monat. Irgendwie haben wir uns nie gesehen seit der Weihnachtspause und geschrieben haben wir auch nicht. "Du wartest ja auch nicht auf mich, sondern nimmst lieber diesen Bus", füge ich dann noch hinzu. "Das war ein oder zweimal, okay?" Aber irgendwie hatte er sonst auch nie Zeit oder Lust, mit mir nach Hause zu fahren, wenn ich ihn mal gefragt hatte. Und überhaupt frage immer ich. Und seit die Ferien vorbei sind, hab ich das Gefühl, wir haben uns irgendwie auseinander gelebt, dabei waren das nur zwei Wochen. Nur dass die Wochen danach auch kein Kontakt bestand und ich werde das Gefühl nicht los, dass er gar keine Lust auf mich hat.
Er verabschiedet sich und ich hebe meine Hand zum Abschied, dann ist er schon aus der Tür verschwunden.
Eigentlich ist es immer normal gewesen in unserer Freundschaft, dass wir eine Zeit lang überhaupt keinen Kontakt haben und dann nach Monaten wieder ein paar Tage oder Wochen miteinander schreiben und dann eben wieder nicht. Aber das war als wir nur übers Internet Kontakt hatten. Vielleicht bin ich ihm in der Realität zu viel?

Dienstag, 10. Januar 2017

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #5

Liebe Natalie,
die Freundschaft zu dir war nicht immer einfach, aber sie war immer da. Von Anfang an. Eigentlich hat es zwischen uns sofort gestimmt und wir haben uns super verstanden. Irgendwie hat es direkt gepasst. Wir haben in diesen vier Jahren eine ganze Menge erlebt und durchgestanden und ich bin wirklich froh darum, dass du immer da gewesen bist. Ich habe immer gewusst, dass ich zu dir kommen könnte und du hast mir so oft bewiesen, dass ich nicht falsch liege. Wenn bei jemandem ein Geheimnis gut aufbewahrt war, dann war es bei dir, denn du wusstest genau, wie man schweigt. Manchmal war es wohl für andere unverständlich, wieso du ausgerechnet mit mir und Esther rumhingst, warst du doch ganz anders als wir. Du hattest schon immer mehr Mädchenklischees als wir erfüllt. Aber das war eigentlich nie ein Problem für uns, weil unsere Charakter aufeinander abgestimmt waren. Du hast uns verstanden, wenn uns alle nur belächelt haben. Du hast mit uns gelacht, wenn uns jeder für bescheuert gehalten hat. Und du hast uns nie für etwas verurteilt. Du hast uns immer so akzeptiert, wie wir waren.
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich dir sonst noch schreiben kann. Es ist nicht so, als gäbe es da nichts, nur scheint es nicht wert zu sein, aufgeschrieben zu werden. Mit Esther warst du meine beste Freundin und ich war wirklich froh darum. Mein Gott, wir haben ja sogar noch Kontakt gehabt nach dem Umzug. Vielleicht habe ich dir nichts zu sagen, weil mich das Ende unserer Freundschaft auf einer ganz anderen Ebene traurig macht als bei den anderen. Weil unsere nie ein Ende gefunden hat.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, einander zu schreiben.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns bei dem anderen zu melden.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, miteinander zu reden.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns für den anderen zu interessieren.
Eines Tages haben wir einfach aufgehört, uns um diese Freundschaft zu bemühen.
Und Natalie, das macht mich noch heute so traurig. Denn ich werde nie wissen, ob wir es nicht vielleicht doch geschafft hätten, weil wir beide auf halbem Weg aufgehört haben. Ohne ersichtlichen Grund. Irgendwann hat unsere Freundschaft einfach aufgehört. Ich glaube, mir wäre ein Streit lieber gewesen, denn dann hätte ich wenigstens verstanden, wieso das alles zu Ende ging.

Valerie