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Donnerstag, 15. September 2016

#72

Ist das dahinten wirklich Max? Doch. Ja. Er ist es. Ungläubig renne ich auf ihn zu, kann kaum fassen, dass er da wirklich steht. Er sieht mich und kommt mir entgegen, den gleichen Blick im Gesicht. Wir fallen uns in die Arme. "Mein Gott, was machst du denn hier?!", frage ich ihn, doch er grinst nur schief. Dann wird mir klar, dass er nicht bleiben wird und traurig sehe ich ihn an. Er erwidert den Blick und wir gehen ein Stück. Und reden. Reden, reden, reden. Am liebsten würde ich nie wieder damit aufhören, weil es so gut tut und so lange her ist, viel zu lange her. Aber irgendwann müssen wir aufhören und er fährt sich mit der Hand durch seine braunen Haare, die sich kaum verändert haben; lächelt mich traurig an. Ich schmeiße mich in seine Arme und umarme ihn fest. "Du bist mein bester Freund, Max", flüstere ich. "Bitte versprich mir, dass wir es diesmal schaffen."
"Ich liebe dich." Mein Körper erstarrt und ich löse mich von ihm. "...was?" Soll ich ihm von Paul erzählen?
"Tut mir leid, ich...das ist mir so rausgerutscht. Vergiss es einfach. Du bist meine beste Freundin. Okay?"
Mein Blick ist unsicher, aber dann merken wir beide, dass er  gleich los muss und umarmen uns nochmal. Er drückt mich so fest, dass ich das Gefühl habe, gleich zu ersticken. Ich fange an zu weinen. "Ich werde dich vermissen."
"Ich dich auch. Aber diesmal wird es anders." Ich hoffe es. 

Als ich meine Augen öffne, kann ich kaum fassen, dass ich gerade aus einem Traum aufgewacht bin. Und obwohl er so unlogisch und unrealistisch ist, war ich noch nie trauriger, dass nicht wenigstens Teile davon Realität sind.

Dienstag, 13. September 2016

Briefe, die ich nie geschrieben habe. #1

Lieber Theo,
ich hatte nie die Gelegenheit, dir das zu sagen, und ich weiß nicht, ob du das je gewusst hast, aber ich hätte dich gerne wissen lassen, dass du mir als Freund sehr wichtig geworden bist. Es ist unglaublich, das von mir zu hören, und ich weiß bis heute nicht, wie viel ich dir bedeutet habe, aber ich hoffe, dass ich dir eine so gute Freundin war wie du mir ein guter Freund gewesen bist.
Bis heute finde ich es schwer vorstellbar, dass wir uns mal aus tiefstem Herzen gehasst haben, denn mit den Jahren waren wir doch so gute Freunde geworden. Ich markiere den Wendetag immer gern an dem Schultag in der 7. Klasse, damals, als unsere Klassenlehrerin sich dafür entschieden hat, uns nebeneinander zu setzen. Erinnerst du dich noch daran? Es gab für uns keinen in der Klasse, den wir weniger neben uns haben wollten, und wir waren sicher die letzten, die geglaubt hätten, dass daraus eine Freundschaft entstehen konnte. Und doch ist es so gekommen, denn irgendwie haben wir uns wohl aneinander gewöhnt und irgendwie haben wir wohl erkannt, dass wir uns ähnlicher sind als gedacht.
Und Theo, ich bin sehr froh darum, dass wir damals in der 7. Klasse nebeneinander gesetzt wurden, denn obwohl ich dich gute zwei Schuljahre lang gehasst habe, umso mehr mochte ich dich die darauffolgenden zwei Jahre. Es ist schade, dass wir nicht länger befreundet sein konnten, aber irgendwie gehört diese Entwicklung zu uns. Mir fehlen unsere Busfahrten manchmal immer noch, denn du bist sicher einer meiner liebsten Gesprächspartner gewesen und in deiner Gegenwart zu lachen fiel mir immer leicht. Und nie werde ich vergessen, dass du und Kevin daran Schuld tragt, dass ich in der Mathe-AG gelandet bin. Obwohl ich ja wirklich froh darüber war nach den ersten paar Treffen, denn nicht nur mit euch war es schön und immer lustig, sondern die AG an sich hat auch viel Spaß gemacht. Überhaupt fand ich es schön, dass wir drei so viele gemeinsame AGs besucht haben, denn all die Mittagspausen und Nachmittage im Chemielabor, im Musikraum und im Matheraum haben uns nur näher zueinander gebracht. Und das weiß ich bis heute sehr zu schätzen, denn es war eine wirklich schöne Erfahrung, dich kennenzulernen und als Freund schätzen zu lernen.
Ich hätte dir gerne das und noch viel mehr gesagt, aber leider hat sich das nie ergeben, was ich heute sehr bedaure. Ich bedaure es genauso sehr, dass wir nie den Kontakt halten konnten, aber ich schätze, manche Freundschaften sind nicht für die Distanz gemacht und unsere gehörte wohl leider Gottes dazu. Vielleicht treffen wir uns ja eines Tages nochmal wieder und können dann für einen Nachmittag so tun, als wären wir wieder die Freunde von damals und als hätte sich nie etwas geändert.

Valerie

Dienstag, 30. August 2016

#71

"Kann ich dich mal was fragen?" Ich schaue Esther direkt ins Gesicht und sie sieht mich fragend an. "Klar, was ist denn?" Für diesen Moment musste ich meinen ganzen Mut zusammennehmen, aber jetzt habe ich ihn und deswegen kommt mir die Frage leichter über die Lippen, als ich selbst erwartet habe.
"Damals, als wir...nicht miteinander geredet haben. Als du...die Freundschaft beendet hast", setze ich an, doch ich bekomme als Reaktion nur eine verwirrte Miene. "Naja, wo wir noch geskypet hatten und das dann nicht mehr getan haben", füge ich hinzu.
"Du, ich glaub in der Zeit hatte ich generell kaum Zeit für sowas", meint sie dann abwehrend.
"Nein, aber darum geht's ja gar nicht. Ich meine, du warst sauer auf mich und du hast gesagt...du hast gesagt, du hast dir in unserer Freundschaft genug gefallen lassen und dann die Freundschaft beendet", werfe ich dann ein, doch sie schaut mich nur irritierter an.
"Ich kann mich echt nicht daran erinnern, sorry", meint sie dann und ich weiß für einen Moment nicht, was ich tun soll. All die Jahre hat es immer etwas an mir genagt, dass sie mich einfach sitzen gelassen hat und selbst als sie sich entschuldigt hatte, wollte sie mir den Grund ja immer noch nicht sagen, weil es ihr zu unangenehm war und ich hab gesagt, das wäre okay, aber das war es nicht. Das ist fast wie wenn man betrogen wird - man fragt sich einfach immer im Hinterkopf, was los gewesen ist, was der Grund war und hofft, eines Tages die Antwort zu finden. Nur scheint mir das jetzt wohl nicht gegönnt zu sein und weil es der letzte Tag ist und sie in ein paar Stunden abfahren und es mir sowieso sinnlos erscheint, setze ich ein Lächeln auf und lache.
"Na danke, also werde ich den Grund dafür nie erfahren?"
"Scheint mir so", erwidert sie und grinst verlegen und ich erwidere es, um danach das Thema zu wechseln, weil es ja doch nichts bringt, auf diesem weiter nachzuhaken.

Mittwoch, 24. August 2016

#70

"Ich glaube, meine Ex hat immer noch meinen Gameboy", meint Nico dann nachdenklich und ich ziehe eine Augenbraue hoch, während ich ihn ungläubig ansehe. Wir sitzen mit meinen Freunden am Rhein, weil heute unsere Geburtstagsfeier ist - Pauls, Julians, Joels und meine.
"Nicht wirklich, oder? Und ich dachte, sie ist nett."
"Ja, das hab ich auch gedacht", entgegnet er schnaubend mit einem halben Lachen.
"Das ist ja echt blöd", meine ich dann und Bedauern streift mein Gesicht. "Na dann ist ja gut, dass du sie losgewo-...wer von euch hat nochmal Schluss gemacht?" Nachdenklich runzle ich die Stirn, aber es will mir partout nicht einfallen, dabei habe ich doch eigentlich alles mitbekommen damals. Ich erinnere mich noch daran, wie er mich nach der Trennung nach einem Date gefragt hat, nicht zuletzt weil ich die letzten zwei Tage meine Zeit damit verbracht habe, meinen alten Blog und meinen aktuellen einmal komplett durchzulesen.
"Naja, so richtig keiner. Weißt du das echt nicht? Warte, haben wir da überhaupt geredet?"
Mein Blick gleitet von ihm weg und ich sehe nach vorne. Ich kann ihm dabei einfach nicht in die Augen sehen, weil ich nicht wissen möchte, was das für eine Reaktion bei ihm auslöst. Nachdem ich zwei Tage damit verbracht habe, mich durch die Gefühlswelt meines früheren Ichs zu wühlen, ist es bei mir nachhallender Schmerz, weil mir beim Lesen wieder bewusst geworden ist, wie weh es mir damals getan hat. Es tut nur an der Oberfläche weh, aber tief in mir drinnen spüre ich auch immer noch die Erinnerung daran, dabei ist es schon so viele Jahre her. Und wie damals möchte ich nicht wissen, wie das für ihn war. Am liebsten möchte ich nie wieder daran denken und das aus etlichen Gründen. Und ich will wirklich nicht wissen, wieso er das damals getan hat. Ich will nicht hören, wie er so kalt gewesen sein konnte. Wie er mir so wehtun konnte. Wie ich ihm so gleichgültig sein konnte.
"Nein, wir haben viel früher nicht geredet."

Freitag, 19. August 2016

#69

Ich schlendere allein durch die Stadt. Heute morgen sind wir von Mallorca zurückgekommen, aber weil meine Brille einen leichten Schaden hat und ich noch Pauls Geburtstagsgeschenk vervollständigen muss, bin ich dann mittags los, um alles zu erledigen. Gerade stehe ich einfach so im Claires, ein Laden mit lauter Mädchenkrimskrams. Armbänder, Haarreifen, Haargummis...und Ketten. Mein Auge fällt auf die Ketten, die im Zweierpack verkauft werden. In allen möglichen Variationen sind es zweigeteilte Herzen mit der Aufschrift "best friends", deren Hälften je an einer Kette hängen und die man nicht nur aneinander halten kann, sondern die auch noch durch einen Magneten dann zusammengehalten werden. Ohne ersichtlichen Grund beäuge ich jede dieser Ketten und betrachte sie, füge sie zu einem ganzen Herzen zusammen, bis mir plötzlich etwas Ungewöhnliches in die Hände fällt.
Wieder ein Herz, wieder die Aufschrift "best friends", aber diesmal nicht zwei, sondern tatsächlich drei Teile. Links und rechts ist kleiner als die anderen, dafür gibt es eben dieses Mittelteil des Herzens, das ebenfalls extra an einer Kette hängt. Ich betrachte die Teile und füge sie zusammen, weiß gar nicht wieso ich die ganze Zeit darauf starre, aber es kommt auf einmal eine Trauer in mir hoch, die ich mir nicht erklären kann.
Die hätten wir früher benutzen können, muss ich dann plötzlich denken. Abgesehen davon, dass weder Natalie noch Esther oder ich sowas Kitschiges getragen hätten. Aber es ist das erste Mal, dass ich so eine Kette sehe und es macht mich traurig, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie mir theoretisch hätte nützlich werden können. Weil nichts mehr so ist wie es mal war und ich weiß, dass es nie wieder so sein wird. Ich führe kaum eine wirkliche Freundschaft zu Natalie oder Esther, dabei sind die beiden wirklich einmal meine besten Freundinnen gewesen, mit denen ich alles hatte teilen können. Diesen Mittwoch kommen sie mich besuchen und bleiben bis Freitag. Erst im Mai haben wir uns gesehen, als ich in der Heimat war, einen Nachmittag lang mit anderen alten Freunden. Da ist mir klar geworden, wie sehr sich alles verändert hat, obwohl ich es ja gewusst hatte. Aber es ist etwas ganz anderes, sich anzuhören was alles anders ist. Dass eigentlich fast nichts mehr so ist, wie es mal war und zu realisieren, dass man nichts davon mitbekommen hat. Das Leben der anderen ist weitergegangen, so wie meins einfach stetig vorangeschritten ist, weil es ohne die anderen ging. So wie es ohne mich ging. So richtig zusammenpassen wollten wir auch nicht mehr, obwohl etwas von der alten Freundschaft, die mich einst mit ihnen verbunden hatte, zu spüren war. Nur dass sie eben nicht mehr zu uns gehörte und alles anders war und nie wieder so sein würde, wie es mal gewesen war.

Donnerstag, 16. Juni 2016

#68

"Naja, wir haben jetzt beschlossen, beste Freunde zu sein. Beste Freunde verbringen gerne mehr Zeit miteinander als mit normalen Freunden, aber man ist eben nur befreundet", erklärt Maike mir ihre komplizierte Situation mit Julian, während wir telefonieren. Ich runzle die Stirn, dunkle Erinnerungen treten in mein Bewusstsein und ich nehme ihr das Versprechen ab, auf sich aufzupassen.
"Er hat mir sogar das hier geschrieben: 'Wir waren schon immer beste Freunde, oder?'" Mein Herz setzt einen Moment aus und ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, obwohl ich auf ihm liege und mein Bett eigentlich recht warm ist. "Wie...meint er das?", frage ich, bemüht um eine normale Stimme.
"Seit wir befreundet sind, schätze ich", erklärt sie mir. Und das wäre schon seit vielen Jahren.

Als später das Gespräch beendet ist, starre ich an die Wand und ich fühle eine kalte Wut in mir, die meinen ganzen Körper füllt. Maike und er sollen also schon immer beste Freunde gewesen sein? Und was ist bitte mit ihm und mir? Er hat mir eineinhalb Jahre lang wirklich etwas als Freund bedeutet. Aber anscheinend waren diese eineinhalb Jahre Freundschaft doch nichts für ihn. Kein Wunder, dass sie geendet hat. Dann kann ich ja jetzt noch froher sein, ihn losgeworden zu sein.

Mittwoch, 11. Mai 2016

#67.1

"Hallo?"
"Ja, hallo, hier ist Valerie. Kann ich mit Kevin sprechen?" Es ist seltsam, ihn mit diesem Namen zu nennen, aber so ist nun mal sein erster Vorname und es würde wohl nur zu unnnötigen Komplikationen führen, wenn ich mit meinem Spitznamen für ihn nach ihm frage.
"Ja, Moment."
Ich warte also für einen Augenblick und vernehme dann sein verwirrtes "Halloo?".
"Hey, Maxi", begrüße ich ihn dann lächelnd und bei seinen nächsten Worten kann ich mir sein Gesicht nur zu gut vorstellen. "Ach, Teddy, du bist's. Nicht Melanie." Seine Mutter muss mich wohl falsch verstanden haben und ich lache. Ich mag die Vertrautheit zwischen uns, die allein durch die Spitznamen für den anderen besteht. Man muss nicht einmal die Stimme des Anderen erkennen - keiner auf dieser Welt nennt ihn Maxi außer mir und niemand nennt mich Teddy außer ihm. Wir waren nie die engsten Freunde, die sich jeden Tag treffen und alles erzählen...aber wir waren gute Freunde, die immer aufeinander zählen konnten und obwohl wir uns kaum noch sprechen, ist diese Freundschaft immer zwischen uns geblieben.